Auch Großmeister müssen manchmal bluffen
Von Harald Fietz
Es erstaunt auf allen Schachebenen, wie oft einfachste Merkregeln missachtet werden. Wir erzählen Grundschülern beim Überlegen eines Zuges, dass man immer schaut, ob ein Schachgebot möglich ist (und etwas bewirkt), ob man eine Figur schlagen kann (und dabei nicht selbst etwas verliert) und ob es eine Drohung des Gegners gibt (die man mit berücksichtigen und vielleicht sogar zuerst parieren muss). Doch trotz der lebenslangen Übung für nicht-erzwungene Züge, passiert es immer wieder, dass diese einfach übersehen werden und die größten Folgen im negativen Sinne mit sich bringen.
Versuchen wir nun hinter die Kausalitäten eines weißrussischen Schnellschachduells zu steigen, wobei der Schwarzspieler als Großmeister und langjähriger Nationalspieler klarer Favorit nach der Wertungszahl war. Aber auch fast 500 Elo-Punkte mehr sind keine Garantie für einen einfachen Sieg und leider konnte der Außenseiter nicht den richtigen Moment für den Gegenschlag erkennen.

Weiß
zieht.
Alexej Cherepov (2087) - Sergey Zhigalko (2572)
Minsk (Bronstein Memorial Open – 100.
Geburtstag) 2024
Der schwarze König zog eben nach f6 und greift den weißen Turm an. Wie ist die Stellung einzuschätzen? Der weiße Turmzug nach h5 ist erzwungen und die schwarze Dame kann zusammen mit dem Freibauern auf der e-Linie Druck gegen den weißen König ausüben. Remisbreite ist die wahrscheinlichste Bewertung.
Jede Engine zeigt einfach ein schlichtes Gleichzeichen und die Zahl 0.00, aber wir sind ja Menschen mit der Fähigkeit, Fehler zu begehen. Und die häufigste Ursache von schwachen Zügen ist ein verschwommenes Urteil über die Wirkungen des Figurenzusammenspiels oder die Kraft einer einzelnen Figur aufgrund besonderer Faktoren, wie beispielsweise der Möglichkeit einer Dauerverfolgung (einem klassischen Rettungsanker).
Zoomen wir also in diese komplexe Stellung und bedenken, dass Zeitdruck eine Rolle spielt. Es ist natürlich, dass erzwungene Züge ungern gemacht werden, um so mehr steigt der Stress, wenn der Gegner dann auch noch einen kraftvollen Zug mit einer offensichtlichen Drohung hinterherschiebt.
1.Th5 e2
Nach 1...Kxg6 ist es für Schwarz viel schwieriger, den Grad zwischen Remis oder Niederlage abzuwägen. Nach 2.Th1 De4+ 3.Kg1 Sf6 4.Th4 Db1+ 5.Df1 Dxb3 wird ein gefährlicher entfernter Freibauer des Weißen gewonnen, doch Schwarz muss weiterhin berechnen, dass 6.Df4 Dd1+ 7.Kh2 De2+ 8.Kh3 Sg4 9.Dd6+ Kg5 tatsächlich Remis ist, da der schwarze Springer durch Drohung gegen h2 und Verteidigung von h6 den Laden zusammenhält.
2.Dc1 De4+ 3.Kf2

Schwarz zieht.
3...f4?

Weiß zieht.
Mit dem Bauernzug will Schwarz den Angriffsdruck halten. Richtig war jedoch das Schachgebot, denn nach 3...Dxd4+ 4.Kxe2 Dg4+ 5.Kd2 Dxh5 6.Dc6+ Ke5 7.De8+ Kd4 8.Da4+ Kc5 9.Da5+ Kd6 10.Dd8+ ist es ein Remisausgang mit Dauerverfolgung des schwarzen Königs durch die Damenschachgebote. Es ist schwer zu sagen, ob Schwarz das sah und vermeiden wollte, also eher in Art eines Pokerspielers „all in“ geht und dabei wissentlich den Verlust riskiert.
4.gxf4?
Weiß lässt sich bluffen. Es ist nicht verständlich, warum jetzt das Schachgebot durch die weiße Dame auf c6 nicht richtig berechnet wurde. Wenn man das Zugrecht, mithin die nächstmögliche Initiative ergreifen kann, sollte es auch unter Stress die erste Denkrichtung sein. Nach 4.Dc6+ De6 5.Dxe6+ Kxe6

Weiß zieht.
6.Txd5 gewinnt Weiß sofort. Ein herzlich feines Beispiel für eine Ablenkungstaktik.
4...Sxf4
Und nun plötzlich ist die weiße Dame hilflos platziert, denn die schwarze Dame kontrolliert Angriff und die so wichtige Verteidigung des Feldes c6 - der eine Moment des Gegenschlags ist für Weiß vorübergegangen und wie so oft im Schach, es gibt die Höchststrafe, den unabwendbaren Verlust.
5.Ke1
Nach 5.Dd2 Sd3+ ist die weiße Materialeinbuße zu groß.
5...Sd3+ 0–1
Ein glücklicher Partieausgang für Sergey Zhigalko, der 1989 in Minsk geboren wurde, also zur „Generation Carlsen“ zählt und seit 2007 den Großmeister-Titel trägt. In diesem Jahr wurde das Foto bei der Einzel-Europameisterschaft in Dresden von Harald Fietz aufgenommen. Es waren noch Zeiten, da Russland und seine Verbündeten wie Weiß-Russland ganz nochmal am westlichen Schachbetrieb teilnahmen.

Ursachenforschung für diese Art von Schachblindheit
Nachdem der weiße Turm nach h5 zog, ergriff Schwarz die Chance mit dem e-Bauer vorzurücken und Weiß unter Verteidigungszwang zu setzen. Das ist jedoch nur ein kleiner psychologischer Vorteil, da Weiß nicht initiativ sein kann. Wahrscheinlich ist der nachfolgende schwarze Zug mit dem Bauer nach f4 ein weiterer Baustein, Druck gegen den weißen König auszuüben.
Aus weißer Sicht kam dieses Bauernvorpreschen sicherlich überraschend, da ein schwarzes Schachgebot mit der Dame auf d4 viel naheliegender war. Eventuell war Schwarz zu optimistisch und wollte seinen e2–Freibauern nicht aufgeben. Warum Weiß nach dem schwarzen f4–Bauernzug nicht mit Schach den Spieß umkehrte, ist wirklich schwer zu ergründen.
Es gibt keine logische Erklärung, da danach der Damentausch forciert war und der schwarze e-Bauer durch den weißen König unschädlich gemacht werden kann. Vielleicht lag die Taktik mit dem Turmopfer auf d5 einfach hinter dem weißen Rechenhorizont - verbunden mit dem Fakt, dass Schwarz die Damen tauschen muss und der e-Freibauer wertlos wird!
Wie bei vielen Schachblindheitsfällen bleibt eine Irrationalität als Lektion (und aus Schachtrainersicht eine einfache Taktik als Lehrbeispiel). Man wird gewiss wieder mal so in eine malade Stellung geraten, aber wenigstens sollte das Gespür für den Aufzug solcher Partieschicksale etwas besser sein.