Vom Springer verrückt machen lassen
Von Harald Fietz
Stellungen mit ungleichgewichtigen Materialverhältnissen sind immer schwierig einzuschätzen. Wenn dann auch beiderseits die Könige offen im Blick der gegnerischen Attacke sind, wird die Abschätzung zwischen Angriffsversuchen und Verteidigungsnotwendigkeiten nochmals herausfordernder. Diese Rubrik über Schachblindheit will nicht nur offensichtlichen Fehlgriffen eine Plattform bieten, sondern häufiger zum Verlust führende Nuancen in Entscheidungsfindungen aufspüren.
Mit Engines ist es leicht, Fehler zu identifizieren, doch die Ursachen für falsche Wirkungszusammenhänge sind mannigfaltig und es gibt eine Bandbreite an Erklärungen. Solche sollen zusammengetragen werden, um dann mit einer ausreichenden Anzahl von hier original analysierten Beispielen und einem Abgleich mit der existierenden Fachliteratur allmählich einen systematischeren Überblick zum Phänomen von Schachblindheit zu erhalten.
Den Auftakt macht eine Stellung, die nicht auf dem Radar von Schach-Medien war. Gespielt wurde diese im Februar 2024 mit einer Bedenkzeit von 15 Minuten und 10 Sekunden Inkrement ab Zug 1. In der Stellung waren 56 Züge absolviert und man darf von akuter Zeitnot ausgehen. Trotzdem ist das abrupte Ende einigermaßen überraschend.
Ob sich David Bronstein, der 2006 in Minsk verstarb, im Grab umdrehen würde? Einerseits wegen der ausgelassenen Chancen und der verrückten Fehler, andererseits weil es 2024 – genau zwei Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine – diesmal eine fast ausschließlich weißrussische Veranstaltung mit ein paar russischen Gästen unter FIDE-Flagge war … sicher kein schöner Gedanke für den in einer Kleinstadt 80 Kilometer südlich von Kiew geborenen WM-Herausforderer von 1951.

Weiß
zieht.
Alexej Cherepov (2087) - Sergey Zhigalko
(2572)
Minsk (Bronstein Memorial Open – 100.
Geburtstag) 2024
Der schwarze König zog eben nach f6 und greift den weißen Turm an. Wie ist die Stellung einzuschätzen?
1.Th5 e2
Wie würde Weiß nach 1...Kxg6 reagieren?
2.Dc1 De4+ 3.Kf2

Schwarz zieht.
3… f4
War 3...Dxd4+ 4.Kxe2 Dg4+ 5.Kd2 Dxh5 6.Dc6+ eine schwarze Alternative, um auf Gewinn zu spielen, oder kann Weiß das Gleichgewicht halten?

Schwarz zieht.
4.gxf4
Hätte Weiß besser auf c6 ein Damenschach bieten sollen? Solch eine Option zumindest zu checken gehört schon für Grundschüler zum Grundwissen.
4...Sxf4 5.Ke1 Sd3+
In den Datenbanken ist fälschlich ein Springerzug nach d5 angegeben, was aber nach dem weißen Damenschach auf c6 die Partie zugunsten von Weiß drehen würde.
0–1
Analysiere, an welcher Stelle gravierende Fehler passiert sind und versuche die Gründe für Fehlleistungen zu beschreiben. Diese Aufgabe kann auch als Übungsblatt heruntergeladen werden. Die Lösung folgt im nächste Blog „Grundregel des Schachbietens vergessen“ (AmS-001-L).