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Schach im Kiez und etwas weitergebend schaffen

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Königliches  Denken  und  sozialer  Brennpunkt  schließen  sich  nicht  aus

Von Harald Fietz

​Über Berlin existieren jede Menge an „mentalen Abziehbildern“.  Für die einen ist es einfach eine Metropole mit vielfältigen Arbeits- und Lebensverhältnissen und fast 3,7 Millionen Einwohnern, für die anderen im globalen Vergleich eine noch erschwingliche Großstadt zur Selbstverwirklichung jeder Art und Coleur, aber auch ein kultureller Hotspot mit lokalen Künstlerorten bis hin zur Hochkultur oder vielleicht in der Zeit nach der Schule eine Stadt für das Studium und Wissenschaften, aber auch eine Sport-Metropole wäre ein passendes Label. Nach einer „Spontan-Rede“, mit der Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey die deutsche Hauptstadt bei einem Warschau-Besuch im Oktober 2025 gegen ein negatives Image verteidigte, kommentierte die führende Tageszeitung der Spree-Metropole: „Zu Berlin hat niemand eine neutrale Meinung, die Stadt ist nicht irgendwie okay, für niemanden. Man liebt sie oder man hasst sie – dummerweise tun das die meisten Menschen gleichzeitig. Berlin kann failed City und Sehnsuchtsziel gleichzeitig sein, Wunschtraum und Schreckbild. Spätzugereiste sehen das so, Eingeborene meist auch.“ (Tagesspiegel 15.10.2025)

​Wer dauerhaft hier lebt, spürt den urbanen Raum wohl am ehesten als stadträumliche Zusammenballung von Kiezen, d.h.  Nachbarschaften mit 10.000 bis 20.000 Einwohnern. Unter den 12 Bezirken (manche so bevölkerungsreich wie eine Großstadt anderswo) ist Berlin-Mitte seit der Wiedervereinigung einer der Bezirke, wo vormals Ost- und West-Berlin zusammenkommen: der alte Ost-Berliner Bezirk Mitte und die West-Berliner Bezirke Wedding und Moabit. In diesem Hauptstadtbezirk (weil hier die meisten Regierungsgebäude und Ministerien ansässig sind) hat der Wedding und hier der Unterplanungsbezirk Gesundbrunnen mit dem Soldiner Kiez eine besonders „rauhe“ Nachkriegshistorie als Ort der Umbrüche und sozial-räumlichen Herausforderungen. 

​Der Soldiner Kiez lag zu West-Berliner Zeiten am Rande des Bezirks Wedding und grenzte mit dem ehemaligen Mauerstreifen im Osten an Pankow und befindet sich nur ein paar Schritte entfernt von der Bornholmer Straße, wo 1989 zuerst die Mauer geöffnet wurde. Es ist ein Areal mit Alt- und Neubausiedlung und hatte vor allem in den 20er Jahren als Arbeitergegend einen besonderen Ruf als „Der rote Wedding“ mit sozialdemokratisch und kommunistisch orientierter Wählerschaft. Der Ort rekrutierte den Personalpool für nahegelegene Industrien (z.B. AEG). Durch die abseitige Lage vor 1989 galt es als einfache Wohnlage und so zogen in den 70er und 80er Jahren wegen bezahlbarer Mieten viele Gastarbeiterfamilien hierher. Obwohl das Gebiet mit dem Mauerfall plötzlich ins Berliner Zentrum katapultiert wurde, blieb die Sozialstruktur weitgehend konstant, vor allem weil in den 80er Jahren festgelegte Wohnungssanierungsgebiete erst in den Nuller-Jahren schrittweise aufgewertet wurden. Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich an der Zusammensetzung der Einwohnerschaft wenig geändert. Der Soldiner Kiez hat ca. 18.500 Einwohner mit einem überdurchschnittlichen Anteil von knapp 70% Bewohner nicht-deutscher Herkunft (vgl. Gesamt-Berlin knapp 40%). Ebenso überdurchschnittlich ist der Anteil an Beziehern von Transferleistungen mit ca. 33% (vgl. zu ca. 15% berlinweit).

​Ebenfalls über Schnitt liegt der Anteil von ca. 20% Einwohnern unter 20 Jahre (und einem hohen Anteil von Kinder-Armut von ca. 57% vgl. knapp 24% berlinweit). Viele Kinder und Jugendliche stammen aus bildungsfernen Haushalten und haben Sprachförderbedarf. Diesen Status Quo zu ändert, braucht es viele „kleine Stellschrauben“ wie seit 2018 u.a. unsere Schach-Begabtenförderung an der Andersen-Grundschule, die auf Schach als Aufwertung des Bildungsangebotes setzt und den Denksport bereits über mehrere Geschwister-Generationen in verschiedenen Communities mit unterschiedlichen Herkünften trägt (siehe oben Foto mit den Schüler und Schülerinnen des schulinternen Sommerturniers 2025, aufgenommen von Harald Fietz). 

​Es gibt im Soldiner Kiez insgesamt drei Grundschulen und mehrere Kitas und jede versucht mit ihren Mitteln, einen Beitrag zum Miteinander zu leisten. Ist beispielsweise bekannt, dass auf einer davon, der Wilhelm-Hauff-Grundschule im Soldiner Kiez, der berühmte Fußballer Kevin Prince Boateng die Schulbank drückte und bisweilen aufgrund der Verbundenheit zu seiner damaligen Direktorin Frau Marichen Aden zu Aktionen wie „Wir machen unseren Kiez sauber vom Müll“, vorbeischaute? Noch heute sind er und seine nicht weniger fußballbekannten Brüder in unserer Ecke des Weddings auf einem Wandbild an einer zentralen Kreuzung an der Ecke Bad- und Pankstraße präsent (Foto, aufgenommen von Harald Fietz).

​Und eben jene Frau Aden stand 2009 einer Auswahljury vor, die das erste unserer Schachprojekte mit finanziellen Mitteln ausstattete. Schach in Schulen wurden von uns, Swantje Munser und Harald Fietz, ab 2010 als freiberufliche Schachlehrer in den Blick genommen (anfangs zusammen mit der deutschen Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz). Viele Einblicke und Hintergründe dazu finden sich im Blog zum Schulschach in dieser Rubrik „Chess Campus“. Warum haben wir unsere Tätigkeiten inzwischen seit ungefähr 2020 unter den Titel „Chess Campus“ gestellt?

​Schach in Bildungseinrichtungen: Über eine Dekade sind seit 2010 alle drei Grundschulen des Soldiner Kiez mit wechselnden Projekten in Schach-Aktivitäten involviert gewesen. Nachdem sich die Andersen-Grundschule für ein Schachprofil entschied, wurde sie mit der Zeit mit nunmehr 10 Kursen der Schwerpunkt unserer Tätigkeit als hauptberufliche Schachlehrer in 2025 (dazu mehr im Blog zum Schulschach), derweil eine andere der lokalen Grundschulen, die Carl-Kraemer-Schule, gleichfalls durchgehend über 15 Jahre einen Schachkurs hatte. Daneben betreuen Swantje Munser & Harald Fietz weitere Schulen in Berlin-Mitte und Pankow, sowohl Grundschulen wie Gymnasien (in den ersten beiden Jahren war auch Großmeisterin Elisabeth Pähtz, die damals in Berlin lebte, in einer der Schulen im Einsatz und vermittelte zudem Schach in Ferienkursen, siehe Foto unten aufgenommen von Michael Kuchinke-Hofer im Jahr 2010).

Für jeden Schultyp entwickelten wir mit der Zeit ein maßgeschneidertes Programm, welches über übliche Schach-AG-Einsätze hinausging. Somit entstand bei Projektdiskussionen allmählich die Bezeichnung „Schach-Campus“, da unsere Schach-in-der-Schule-Konzepte flächendeckend im Soldiner Kiez einen Ausgangspunkt hatten und in angepasster Form auch anderswo angewendet wurden und werden (auch die 12 Blogs dieser Webseite unter dem Namen chess-campus.de folgen dieser Philosophie). Die Idee des „Chess Campus“ signalisiert, dass es ein Schachbildungskonzept aus einer Hand ist und gleiche Bildungsstandards gegeben sind. Auch die räumliche Nähe (keine Schule ist mehr als 30 Minuten Fahrweg entfernt) charakterisiert den Campus-Gedanken einer ähnlichen Ausrichtung in der Schachvermittlung, derweil es Verschiedenheit aufgrund des Schultyps und des Umfangs der Schachkurse gibt. Darüber wird der Blog zum Schulschach nach und nach Fakten und Entwicklungen darstellen und viele detaillierte Einblicke bieten.

​Schach für Anwohner jeden Alters: Eigentlich würde ein traditioneller Schachklub gut zu der eben skizzierten Bildungsidee passen und so ist im Kern auch die Vorstellung der Schulschachstiftung und der Deutschen Schachjugend: Vereine engagieren sich in Schulen und mit der Zeit entstehen partnerschaftliche Beziehungen mit gegenseitigem Nutzen, d.h. der Verein, in dem sich überwiegend erwachsene Anwohner Mitglieder treffen, baut eine Jugendabteilung auf. Diese Vorgehensweise haben wir als hauptberufliche Schachlehrer auch in der Praxis gehabt und daher den Schachklub International 2010 e.V. gegründet, wobei der Name auf die vielfältigen Nationalitäten unseres Stadtraumes bezogen war und ab 2010 für fast 10 Jahre gelebte Realität war. In vielen Vereinen durchzieht sich aber die Realität, dass die organisatorischen Aufgaben auf wenigen Schultern ruhen. Diese Auslastung wurde uns mit dem Anwachsen der schulischen Kursbedarfe zu zeitintensiv und die Verlockung Schulschachkonzepte verschiedener Prägungen umzusetzen zu reizvoll. In der Folge blieb der Schachklub zwar an anderer Stätte im Kiez, aber unter neuem Vorsitz, derweil wir mit unserem Standort, einer Gewerbeeinheit mit einem Seminarraum für ca. 16 Personen, einen neuen Fokus mit dem Förderverein SchachExperten e.V. suchten. Nicht mehr der Spieler kommt zum Verein, sondern der Verein kommt zum Spieler mit jährlich wiederkehrenden Events. Da ist das stadtweit bekannte Musikfest Panke-Parcours im Herbst, welches beim Schachstand dreistellige Besucherzahlen anzieht und da sind lokale Events mit der Urban Gardening Gruppe Elisabeet, die auf dem Elisabeth-Friedhof Schach in ruhiger Naturumgebung anbieten (siehe Foto unten auf dem Lehrer und Schüler am Wochenende vereint am Brett Lösungen suchen, aufgenommen von Harald Fietz im Sommer 2024). Außerdem finden regelmäßig verschiedenen Kiez- und Nachbarschaftsfeste statt, auf denen wir Schach an seine Fans bringen – und das sind in Nach-Corona-Zeiten ziemlich viele junge und erwachsene Personen, die nicht die Bindung an eine Vereinsstruktur suchen.

Es folgt dem Motto „Gelegenheit statt Bindung“. Doch für Jugendspieler eröffnete bis Mitte 2025 eine kleine Jugendabteilung alles einer klassischen Vereinsphilosophie mit Spielstätte, Training und Turnierbetreuung. Inzwischen folgen wir eher einer Beratungskultur, was Schach-Ratsuchende aller Altersgruppen betrifft. Konkret „lotsen“ wir Interessierte zu bestimmten Vereinen und beim Schulschach gibt es Präferenzen, jeden Spielertyp zu einen Verein zu bringen, welcher der individuellen Zeit- und Organisationsschiene entspricht. Hier sind die unterschiedlichen Bedarfe nach einem bestimmten Wochentag oder einer bestimmten Wegstrecke (oder einem bestimmten Spielort) oftmals die ausschlaggebenden Argumente. Aus unserer Warte lässt sich das noch mit der sonstigen Schachbeschäftigung als Beruf vereinbaren.

​Schach als Vermittlungsaufgabe: Es ist bereits angeklungen, dass wir als Schachlehrer inzwischen dem Schachunterricht und dem Training in kleinen Gruppen fast mehr Freude als dem eigenen aktiven Spiel beimessen. Einerseits können wir das zeitlich selbst steuern und mit anderen Neigungen in Einklang bringen (Sportveranstaltungen und klassische Konzertbesuche), andererseits ist es absolut interessant, mit unterschiedlichen Spielertypen auf unterschiedlichen Spielniveaus neue und alte Schachmaterialien zu analysieren und bisweilen überraschend facettenreiche Blickwinkel auf das königliche Spiel und das Denken überhaupt zu erleben. Da wir als Schachlehrer die Monate der Corona-Auszeit intensiv zu einer Durchforstung unserer umfangreichen Materialien und unserer Bibliothek nutzten, sind die Bestände an „frischem Material“ gut aufgefüllt und so entstand auch die Idee, auf dieser Webseite mit 12 Blogs eine teilweise Offenlegung zu vollziehen, die einerseits für unsere Schüler Anlaufpunkte setzen und andererseits Schachneugierigen Anregungen für deren Schachbeschäftigung antippen kann. Auf diesem Bereich wird sich neben Schulschach und Erwachsenenschachgelegenheiten unser Fokus richten.

​Auch wenn wir in Berlin an einem Ort mit zahlreichen sozialen und bildungsbezogenen Unebenheiten angesiedelt sind, so hat sich nach 15 Jahren Praxis an der Basis gezeigt, dass Schach eine Plattform öffnet, die mit Respekt und Offenheit gutes Lernen und gerades Denken motivieren kann und somit ein gemeinsames Band in unruhigen Zeiten bietet.