Anfälligkeit von Bauerninseln in Schwerfiguren-Mittelspielen (I)
Von Harald Fietz
Bauerninsel
haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie schnell zum Fluch werden können.
Besonders in Mittelspielen, in denen nur noch Schwerfiguren auf dem Brett sind,
können diese unter Druck geraten. Dabei hilft es natürlich der angreifenden
Seite, wenn der König aktiv mit eingreifen kam und wenn eventuell Bauern als
Hebel zusätzlich die Bauernschwäche ins Visier nehmen. Ich analysiere heute ein
vielleicht nicht so bekanntes Beispiel, welches um den Jahreswechsel
1949-50 in Moskau gespielt wurde. Die Schachfunktionäre hinter dem Eisernen Vorhang wollten nach dem
zweiten Weltkrieg auch in unserem Denksport die Überlegenheit ihres
Gesellschaftssystems demonstrieren. Dazu hielten sie nicht nur Ländermatches
gegen führende Schachnationen ab (USA, England, Argentinien und ihnen
„nahestehende“ Nationen in Osteuropa), sondern strebten auch nach einer
Dominanz in Einzelwettbewerben. 1948 wurde Mikhail Botvinnik bei den Männern
Weltmeister; ein Jahr später gab es die gleiche Zielparole für die Frauen.

Frauen-Weltmeisterschaften waren vor dem zweiten Weltkrieg seit 1927 als kleinere Turniere oder Matches zeitgleich mit den neu eingeführten Schach-Olympiaden veranstaltet worden. Vera Menchik war jedoch anderen weiblichen Spielerinnen spielerisch weit voraus und hielt den Titel ununterbrochen bis zu ihrem tragischen Tod 1944 bei einem deutschen Luftbomben-Angriff auf London. Somit war der Titel wie bei den Männern nach dem Weltkrieg verwaist und man entschloss sich auch hier, die mutmaßlich besten Spielerinnen zu einem Turnier-Showdown einzuladen. Natürlich waren die sowjetischen Schachfunktionäre erpicht, ihrer Staatsführung und den Schachfans die neuen Machtverhältnisse im Spitzenschach deutlich vor Augen zu führen und so war es selbstverständlich, dass Moskau sich bewarb und auch den Zuschlag für die Ausrichtung bekam. Sicher wollte der Weltschachverband die Nation, die den Männerweltmeister stellte, nicht verprellen.
So traf man sich Ende 1949 vom 20. Dezember bis 16. Januar 1950 mit 16 Teilnehmerinnen im Zentralklub der Roten Armee und es war angerichtet für die große Schach-Propaganda-Bühne (siehe Foto unten). Die Ausrichternation erhielt vier Startplätze und alle Teilnehmerinnen aus „Russland“ (so bezeichnet Max Euwe die Sowjetunion im niederländischen Turnierbuch) landeten auf den ersten vier Plätzen und erreichten zehn oder mehr Punkte, d.h. Zweidrittel der möglichen Punkte. Siegerin wurde Ludmilla Rudenko vor Olga Rubzowa, Valentina Belowa und Elizabeth Bykowa. Sie behielt ihren Titel dann bis 1953 und wurde abgelöst von Bykova (1953-56 und 1958-62) sowie zwischendurch Rubzowa (1956-58). Dann setzte sich Nona Gaprindashvili ab 1962 als Dauerweltmeisterin auf den Thron, doch sie stammte aus der georgischen Republik, welche 1921 dem Sowjetreich einverleibt wurde.

Betrachtet man die 120 Partien des Frauen-WM-Turniers 1949-50, so fällt der Leistungsunterschied zwischen den Spielerinnen auf. Von 48 Partien der sowjetischen Spielerinnen gegen die Ausländerinnen gingen nur 6 verloren. Bisweilen hatten diese vier letztlich vorne in der Tabelle platzieren Frauen etwas Fortune, aber zumeist setzte sich ihre praktische Turnierhärte (oder vielleicht nennt man es besser „Coolness“) durch. Etliche der Partien zwischen Spielerinnen, die am Ende nicht im oberen Tabellentableau landeten, können eher mit dem Spielniveau von guten Klubspielerinnen verglichen werden. Aber es gibt bisweilen Partien und Stellungen mit besonderem Lernwert, wie in der Begegnung zwischen der Tschechin Nina Hrušková-Bělská mit weißen Steinen und Jozsa Langos aus Ungarn als Nachziehende. Im frühen Mittelspiel unternahm die Spielerin mit den schwarzen Figuren einen unmotivierten Versuch, mit dem Bauernzug f7-f6 die Stellung zu öffnen. Doch es ergab sich in dieser achten Runde nichts Konkretes und so entstand so um den 30. Zug eine Stellung mit weiterhin gleichen Materialverhältnissen, aber einer offensichtlichen Schwäche auf der schwarzen Seite. Mit drei Bauerninseln galt es für Langos, die Balance zu halten. Doch die Lage war nicht einfach, denn einerseits blockierte der weiße Turm auf e5 die schwarze Stellung und andererseits ist nicht erkennbar, wo und wie Schwarz das Gegenspiel aufziehen soll.
Weiß zieht.
Nina Hrušková-Bělská – Josza Langos
Moskau (Frauen-WM-Turnier) 1949-50
Bitte versuchen Sie die Stellung zu bewerten und einen Plan zu skizzieren, wie Weiß den Nachteil mit einem rückständigen Bauern auf e6 ausnutzen kann. Sie können dies alleine analysieren oder die Stellung zusammen mit Schach-Freunden ausspielen. Beim praktischen Versuch, sich am Brett in eine turnierähnliche Situation zu begeben, sollte man mindestens zwei Versuche unternehmen und sich hinter beiden Stellungen wagen.
Die Aufgabenstellung kann so auch für moderne Zeiten gelten und als Hilfestellung für Trainer füge ich noch die Ausgangssituation als Übungsblatt für das Training zum Download anbei. Die Lösung findet sich in der nächsten Ausgabe dieses Blogs.
