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Schach & Fußball können sich verbünden

(CC-Scha-Fu-001)

Erste  Gedanken  zu  einem  unterentwickelten  Arbeitsfeld

Von Harald Fietz

​Gibt es wirklich sinnhafte Zusammenhänge zwischen Schach und Fußball? Allein die Frage wird zu selten gestellt und wenn man etwas beispielsweise im TV hört, dass wieder mal ein notorisch gelangweilter Sportreporter, der das Hin- und Hergeschiebe des Balles als „Rasenschach“ bezeichnet. Doch diesen Kommentatoren muss entgegengehalten werden: „Ihr habt Euren sportstrategischen Horizont noch nicht weit genug gespannt!“ Wer sich in beiden Sportarten ein wenig auskennt, der wird alsbald Thematiken, Personen und Begebenheiten finden, die uns auf dem Weg zu schlüssigen Theorien und Praxisanwendungen von Sportstrategien voranbringt. Denn auch Schach ist ein Bewegungsspiel und zwar nicht nur wegen des Figurenziehens von einem auf ein anderes Feld, sondern als mentale Beweglichkeit, die in idealerweise planvoller Absicht geschieht. Dieser Beitrag will eine erste kurze Ausleuchtung des Terrains leisten und nimmt das verdienstvolle Werk „Football & Chess – Tactics, Strategy, Beauty“ von Adam Wells (erschienen 2007 bei Hardinge Publishing) als Ausgangspunkt. Auf 165 Seiten werden dort anhand von 29 Elitespieler-Partien und zahlreichen taktischen und strategischen Lehrbeispielen Vergleiche mit Spielen der Premier League in der ersten Hälfte der Nuller-Jahre gezogen. Einige legendäre internationale Spiele, wie das Champions League Finale zwischen FC Liverpool und AC Milan von 2005, kommen ebenfalls unter die Lupe. Das Potpurri an Zusammenhängen und Erklärungen ist reichhaltig, kann aber fast zwei Jahrzehnte später mit deutschem und internationalem Blickwinkel in erweiterter Form hinterfragt und ergänzt werden. Zu Beginn sollen in diesem ersten Blog-Beitrag einige generelle Überlegungen gemacht werden.

​In seinem Vorwort gibt Wells (nicht zu verwechseln mit dem englischen Schach-Großmeister Peter Wells) erste Impulse, wohin der komparative Blick ausgerichtet werden kann. Er benennt Raumnutzung und Timing als grundlegende Kennzeichen für Angriff und Verteidigung in beiden Sportarten. Zudem verweist er auf den Umstand, dass es beiderseits relativ wenig feste Regeln oder komplizierte Punktesysteme gibt. Dies hat zur Schlußfolgerung, dass der Spieler oder das Team ganz auf sich gestellt ist und mit einfachen Aktionen den Spielfluß vorantreiben, was sich keineswegs trivial gestaltet: „… it is very simplicity of the games that paradoxically makes them so complex. Aside from the freedom of choice that the games allow players, it is the »teamwork« element which creates their complexity.“ (S.7) Alleine für diese Bereiche gilt es, mit entsprechend vergleichbaren Analysemitteln zu Schlußfolgerungen zu gelangen, wie eine Sportart von der anderen ggf. profitieren kann.

​​In Deutschland und global fallen verschiedene große Namen im Ballsport ein, die sich hiermit befasst haben: Felix Magath kam in den 80er Jahren noch zu Spielerzeiten mit dem Denksport in näheren Kontakt und blieb auch als Trainer auf der Schiene, während Ex-Nationalstürmer Marco Bode in seiner aktiven Zeit bei Werder Bremen fast täglich eine Partie spielte, Schachaufgaben löste oder bei Schach-Veranstaltungen als Prominenter einer anderen, sehr populären Sportart zur Verfügung stand (siehe obiges Foto, aufgenommen von Harald Fietz, 2005 beim Simultan gegen Schulkinder in der VIP-Lounge des Weserstadions im Rahmen des Schach-Bundesliga-Meister-Play-offs zwischen Werder Bremen und SG Porz). 

​Unter den in 2025 aktiven Fußballgrößen sind Mohamed Salah, der ägyptische Weltklassestürmer des FC Liverpool, aus der Spielerecke oder Pep Guardiola als Trainer von Manchester City (und vormaligen Stationen beim FC Barcelona und FC Bayern München) zu nennen. Beide agieren in und mit Teams, die mit hochkarätigen Einzelkönnern besetzt sind. Wells benennt Zeugen (also Trainer mit Schachaffinität) mit anderer Philosophie, denn diese halten die Durchschlagskraft des Zusammenspiels mit und zwischen Figuren (Spielern) als den Schlüssel zum Erfolg für relevant. „Both are famous for their ability to create exceptional teams without exceptional players.“ (S.7) Gemeint sind Rafael Benitz und Karel Bruckner, die beide Mannschaften mit ultraschnellem Angriffsspiel zusammenstellten und mit entsprechenden Spielaufgaben betrauten. Benitz entwickelte sich vom Jugendtrainer bei Real Madrid über mehrere spanische Stationen zur Trainer-Legende beim FC Liverpool (2004 bis 2010) und hatte anschließend etliche kurzzeitige Stationen bei großen Vereinen; Karel Bruckner verblieb weitgehend in seiner tschechischen Heimat und stand über eine Dekade den Nationalmannschaften vor (zuerst vier Jahre der U21, dann drei Jahre als Co-Trainer der A-Nationalmannschaft und schließlich von 2001 bis 2008 der A-Auswahl als Cheftrainer). Ihre Ausrichtungen in den Fokus zu nehmen wird eine von vielen Herausforderungen sein.

​Natürlich gibt es neben den „gewichtigen Fußball-Persönlichkeiten“ aus Sicht eines Schachspielers auch stets die persönliche Veranlagung, die fast immer mit Herkunft und Werdegang in Einklang steht. Vor vielen Jahren meinte mein schottischer Schach-Journalisten-Kollege John Henderson, der schon um die Jahrhundertwende als einer der ersten Schreiber im Internet aktiv war: „I’m born into a Rangers household.“ Es gab für ihn also überhaupt keine Wahl, die Religion seiner Familie bestimmte seine Fußballprägung. Der Golf-Profi Rory McIlroy, einer der Helden des europäischen Ryder-Cup-Teams 2025, wurde hingegen durch die Fan-Gesänge und Stadionstimmung beim Besuch von Heimspielen von Manchester United in den Bann gezogen. 

​Für den Schreiber dieser Gedanken ergaben sich mit den Jahren aus unterschiedlichen Gründen eine Handvoll „Loyalitäten“: in den 70er Jahren als Jugendlicher durch Besuche im alten Wildparkstadion die Heimatverbundenheit zum Karlsruher SC, 1988-89 beim Auslandsstudium in Schottland mit einem Saison-Ticket beim FC Aberdeen im ersten europäischen Stadion komplett mit Sitzplätzen, seit 2018 aufgrund des fantastischen argentinischen Trainers Marcelo Bielsa ein Eintauchen in die globale Community von Leeds United und auch Racing Strasbourg gehören meine Sympathien, da ich in und um die Elsass-Metropole in den 70er und 80er Jahren etliche Jugend- und andere Schachturniere spielte.

​Seit einigen Jahren gilt für mich und meine Frau in Berlin eine klare Vorliebe für den 1. FC Union Berlin, wo Männer und Frauen inzwischen gleichberechtigt das Stadion füllen (und hier mit einer ungewöhnlichen Anhängertreue als Stehplatzbesucher mittenmang wie auf dem Foto oben, aufgenommen von Harald Fietz, im August 2025 beim Bundesliga-Auftaktspiel 1. FC Union Berlin - VfB Stuttgart 2:0). Fußball gestaltet sich für jeden Fan – ebenso wie das Schachspiel – als ein hochgradig emotionales Gebiet, auf dem in logischer Konsequenz nüchterne Betrachtungen zur Spielvermittlung und –durchführung unabdingbare Erfolgsbedingungen bilden. Der erste Zug darf gemacht werden, der Ball soll rollen.