Gewichtiges Meisterwerk der guten Hinweise bei abnehmender Figurenzahl
Von Harald Fietz
Wir sind es in Deutschland gewohnt, dass das Endspiel eine Deutungsdomäne von Großmeister Karsten Müller ist. Seine grundlegenden Werke zu Bauern-Endspielen (1997) und die Enzyklopädie kurz nach der Jahrhundertwende 2001 (beide in Zusammenarbeit mit FM Frank Lamprecht) setzten einen hohen Standard in Sachen Systematik und rechnergestützter Gründlichkeit. Zwei seiner aktuelleren Zusammenstellungen zur finalen Partiephase sind herausragende Ergänzungen („Endgame Corner“ mit GM Axel Fishbein und „Taktische Endspiele“ mit FM Claus Dieter Meyer). Wie lässt sich da eine eigene Nische für ein Endspielbuch finden? Als wäre die Schachwelt nicht schon kurios genug, beantwortet Müller diese Frage im Vorwort zu „Instruktive Schachendspiele aus der Praxis. Die Entscheidung fällt nach dem 40. Zug“ des Hamburger FM Stefan Gottuk: „Das Buch ist zum Selbsttraining gedacht. (…) Für besonders beachtenswert und gelungen halte ich die Hervorhebung von Motiven, die in den jeweiligen Partiebeispielen eine große Rolle spielen. Diese werden am Ende in einem umfangreichen Motivverzeichnis aufgelistet, so dass der Leser auch aus dieser umgekehrten Richtung an das Material herangehen kann. (…) Ich kenne den Autor schon sehr lange und mitunter hatten wir sogar regelrechte Analyseduelle, aus denen unter anderem hevorging, dass Schach mitunter selbst für moderne Computerprogramme äußerst tiefgründig ist.“
Mit diesem nostalgischen Großmeisterblick klingt bereits die reflektierte Tonlage des schwergewichtigen 350-Seiten-Paperback an. Großmeister und FM-Autor teilten gemeinsame Zeiten beim Hamburger Verein SC Diogenes und sind wesentlich in den 80er Jahren schachsozialisiert worden. Daher können sie noch der „Generation Hängepartie“ zugeordnet werden, wie es Gottuk in seinem Vorwort absolut treffend bezeichnet. Es sind Schachspieler, die nicht nur die überwiegend einsame Beschäftigung vor dem Bildschirm dabei als Ort der Schachideenfindung erachten, sondern das reale Miteinander schätzen (wie z.B. Großmeister Karsten Müller auf dem Foto unten in Berlin 2015 beim Weddinger Schachfest im Soldiner Kiez, aufgenommen von Adam Roe).

Aus jahrzehntelangen Austausch stammt der Erfahrungsschatz, welcher Eingang in dieses Endspielbuch fand. Folgende drei Dimensionen der Schachinhalte möchte ich als trainingsdidaktische Vorzüge explizit herausstellen:
Einladung zur Analyse im „alten Stil“: Die „Generation Hängepartie“ verfügt m.E. im Vergleich zur jüngeren Schachanhängerschaft über einige Fertigkeiten, die ihre Betrachtungen von schachpraktischen Entscheidungswegen vielschichtiger macht – unabhängig davon, dass man diese Qualitäten mit zunehmendem Alter unter Umständen am Brett nicht mehr vollständig zur Geltung bringen kann. Hierzu würde ich an erster Stelle eine „Neigung zur Neugier“ nennen, denn in Zeiten ohne Computereinsatz beim Schach konnte damals eben nur die menschliche Analyse den Horizont erweitern, d.h. das Zusammensitzen als Analyse nach der beendeten Partie, das gemeinsame Analysieren einer Hängepartie oder selbst das Sitzen mit Brett und Buch in der einsamen Stube daheim bedingten das Austesten auch noch so abseitiger Ideen und schärften den Blick für die wesentlichen Stellungsmerkmale umfassend. Es gab keinen Gedanken (Denkfaulheit), diese Aufgabe an die unfehlbare Maschine abzugeben. Außerdem notierte man die Ergebnisse und musste diese anschließend rekapitulieren, um so eine gewisse Struktur der Einfälle zu erhalten. Nicht nur förderte dieses Schreiben mit der Hand die bessere Verankerung der Ergebnisse im Gedächtnis, sondern man reflektierte dabei ein weiteres Mal. Wer die Disziplin zu diesem Prozedere aufbringen kann, der wird mit Gottuks Endspielbuch und den 100 Übungsaufgaben einen Fundus für intensive Sessions haben. Einfach mal überlegen, eine Stellung pro Woche im Eigenstudium oder der Trainingsgruppe im Verein und schon ist die Agenda zwei Jahre lang besetzt. Daher die praktische Empfehlung, alle elektronischen Geräte außer Reichweite und Wahrnehmung verstauen. Ich lasse inzwischen bei längerem Schachunterricht (z.B. einem Projekttag mit sechs Stunden Schach in zwei Sitzungen) das Mobilfon in einer Kiste einsammeln. Es gibt keine Versuchung und gar solche Entwöhnung, dass Schüler das Gerät am Abend mitzunehmen vergaßen und es auch am nächsten Tag in der Box blieb – einfach mal ausprobieren!
Einüben der Rundumbetrachtung: Nicht nur regt das Gottuk-Buch dazu an, die „Generation Hängepartie“ als „Erlebnis“ zu imitieren, sondern er bietet eine Blaupause, wie gute Analyse aufgebaut und dokumentiert werden sollte. Diese Vorgehensweise beginnt trivial, doch leider ist schon das bei vielen Kommentierungen in Fachzeitschriften und auf Internetseiten nicht mehr üblich. Wenn ich eine Stellung erstmals sehe (und den Partieverlauf davor nicht erlebt habe), dann braucht es eine solide Stellungsbewertung (Materiallage, Figurenaktivität, Königssicherheit, aktiver König, besondere Bauernstruktur etc.). Diese sollte als Checkliste oder als Beschreibung in ganzen Sätzen notiert werden – bitte nicht einfach schauen und dann mit Varianten loslegen. Danach ist das Sinnieren über vergleichbare Stellungen hilfreich (Kenne ich den Endspieltyp so oder so ähnlich?). So ein Schachlernen mit Rückgriff auf die „intuitive Schach-Hirn-Festplatte“ sollte viel mehr gängige Praxis werden. Ein Tipp dazu wären die beiden Bücher von Borislav Ivkov mit den trefflichen Titeln „Chess Parallels“ und im Untertitel einmal „I – Strategy & Tactics“ und „II – Endgames“. Wenn man im nächsten Schritt die Partiefortsetzung und Varianten checkt und analysiert, dann sollte auch hier das Wort der Begleiter der Züge sein. Gottuks Endspielarbeit ist so umfassend, dass sie unabdingbar am Brett nachvollzogen werden muss (es gibt viele Diagramme, aber nicht so viele, dass man via „Diagrammspringen“ durch die Analyse kommt), doch vermittelt er durch seine Erklärungen auch einfach den Anreiz, „quer durch die Seiten zu stöbern“ und dies ist m.E. – wenn gut geschrieben – ein Zusatzeffekt, sich durch das Terrain treiben zu lassen und dabei Aspekte zu entdecken, die nicht vorab auf der Agenda standen. Schließlich gebührt ein Extralob für den Umstand, jeder Stellung ein Fazit hintenan zu stellen. Die Empfehlung wäre hier, sich ein besonderes schönes Notizbuch zu besorgen und das wie eine Art Tagebuch durch das Werk zu nutzen. Denken & Schreiben und nicht Stichwörter in den Computer tippen und KI-ChatGPT anklicken. Ich gehe inzwischen analog noch einen Schritt weiter und verwende nunmehr Füller und on top nicht Patronen, sondern Konverter zum Einfüllen hochwertiger Tinte … will somit sagen, dass die Rundumbetrachtung eine zeitliche Entschleunigung verdient. Weniger ist mehr, Hetze macht nur nervös und gedanklich fahrig.
Erweiterter Blick auf Endspieltypus und Motivlage: Die dritte Dimension des Endspieltrainings dieser Ausrichtung betrifft nicht die Arbeitsweise, sondern den Inhalt. Gottuk erfindet in seinen Endspielbetrachtungen das Rad nicht neu, aber er stößt seine Leser, also die Analysewilligen, in eine zusätzliche Reflektionsebene. Auch diese ist keine Weltsensation, aber oft ist es die kleine Stellschraube - auch bei der Denkagenda - , welche den zusätzlichen Erkenntniswert befördert. Man sollte sich bei der Stellungsbewertung und beim Fazit stets zusammenfassen, welche einzelnen Endspielmotive im Zusammenwirken die treibende Stoßrichtung des Endspiels vorgaben. Hierzu kann „der Gottuk“ als perfekte Inspirationsquelle genutzt werden, denn jeder Stellung ist eine Zusammenfassung über das Motiv oder die Motive im Zusammenwirken vorangestellt und – was man sich auch zur Routine machen sollte – das Beispiel wird mit einer prägnanten Überschrift versehen. Das schult einerseits die finale Reflektion und den Fokus auf „die“ Besonderheit, andererseits helfen diese Überschriften als Gedankenanker im intuitiven Schachgefühl hinterlegt zu werden. Gottuk liefert am Ende ein Motivverzeichnis unterteilt in strategische bzw. taktische Motive. Die Empfehlung ist hier also eine leichte Aufgabe: jeder ambitionierte Schachspieler sollte sich so ein Verzeichnis für das Endspiel (aber auch andere Schachphasen) anlegen. In meinem Fall würde z.B. das Endspiel aus Foto unten ins Verzeichnis kommen, welches ich über mehrere Stunden in der Live-Kommentierung von Großmeister Klaus Bischoff in Baden-Baden 2017 erlebt habe (Finalstellung von Levon Aronian gegen Arkadij Naiditsch bei den Grenke Chess Classics, aufgenommen von Harald Fietz). Mit dem Gottuk-Buch bekomme sicher nicht nur ich ausreichend Anregung, wie eine instruktive Dokumentation eines solchen Schach-Erlebnisses aussehen sollte.

Zum Abschluß mache ich bei umfangreichen Büchern gerne den „Rein-Greif-Test“, d.h. ein zufälliges Aufschlagen einer Seite und Blick auf den ersten Eye-Catcher. Diesmal landete ich am Ende des Buchs auf S.300 und das ist just das Extra mit Test-Reihen, die den neun Kapiteln beigegeben werden. Die Kapitel sind ganz üblich nach Endspielmaterial unterteilt und somit ist es leicht, den Buchinhalt mit anderen Standardwerken zu vergleichen. Auf S. 300 fand sich dieses Bauern-Endspiel mit zwei Anleitungen: beurteilen Sie die Stellung und begründen Sie ihr Urteil mit Varianten. Einfach und doch nicht trivial. Es ist eine Meisterpartie, aber sonst hat Gottuk auch eine Reihe von kaum bekannten Partien aus der zweiten Reihe (z.B. Oberliga-Niveau zwischen DWZ 2000 und 2200) und auch einige Amateurpartien dabei.

Schwarz zieht.
Alexander Aleksandrov (2602) – Hrant Melkumyan (2600)
Batumi (Olympiade) 2018
Wer die Lösung wünscht, der schaue bitte in der Rubrik Tatort Schach, wo ich das Beispiel (bald) für meine Trainingszwecke betrachte.
In der Bewertung überrascht es nicht, dass dieses Endspielbuch viele Leser und die rote Tasse (Höchstwertung) für absolutes Analysevergnügen verdient. Es gelingt selten, dass ein Buch so viel inhaltlichen und didaktischen Mehrwert komprimiert. Lernwillige und Trainer seid bereit, diese Endspiel-Ernte einzufahren.
Info: Stefan Gottuk, Instruktive Schachendspiel aus der Praxis - Die Entscheidung fällt nach dem 40. Zug, Beyer Verlag 2023, 358 Seiten, ISBN 978-3-95920-161-2, 29,90 €.