Karsten Müller & Alex Fishbein ergänzen Mark Dvoretskys Endspielwerk ideal
Von Harald Fietz
Was kann man in der Endspiel-Literatur noch viel Neues präsentieren? Wenn man die 335 Seiten von Karsten Müller und Alex Fishbein durch hat, dann lautet die Antwort definitiv „Viel!“ (mit einem großen Ausrufezeichen). 450 Endspiele kommen in dem Band „Endgame Corner“ in englischer Sprache zusammen und wieder einmal muss man Hanon Russell und seinem Verlag „Russell Enterprise“ einen richtigen Riecher zugute halten. Sicher ist ein derart umfangreicher Stoff von zwei ausgewiesenen Endspiel-Experten ein riesiger Informationsberg, den jeder an der finalen Partiephase Interessierte anders angehen wird. Daher möchte ich die nachfolgenden Betrachtungen auf die Warte als Schachtrainer beschränken. Eventuell werden die Hinweise auch für den Selbstlerner passend sein. Doch zunächst zu den Autoren als Team und ihrem Anliegen, dem Endspielregal einen weiteren Band hinzuzufügen.
Großmeister Karsten Müller verlegte sich im Laufe der 90er Jahre vom aktiven Spiel auf Aktivitäten als Schachschreiber und Trainer für Spieler mit besonders hohen Ambitionen. Er gilt weltweit als der führende Analytiker des Endspiels, obgleich er auch zahlreiche Eröffnungs- und Mittelspielwerke auf seiner Veröffentlichungsliste verzeichnet. Aufgrund unseren zahlreichen Ideenaustauschen und Analysebegegnungen in über 20 Jahren möchte ich seine Schachvermittlung als wissenschaftlich-tiefgründig einordnen, wobei die engineabgesicherte Bewertung seinen ultimativen Maßstab darstellt (siehe Foto unten zur Abwechselung bei einer „menschliche Analyse“ mit dem Rezensenten (links), aufgenommen von Adam Roe beim Schachfest in unserem Berliner Soldiner Kiez im Jahr 2015). Diese Art des Mensch-Engine-Teamups verschafft ihm - wie fast allen Schachschreiber heutzutage - den Vorteil, bei der Suche nach „endgültiger Wahrheit“ im Endspiel einen „gewissen Sicherheitsgurt“ zu haben. Mit dieser Arbeitsweise entwickelt der Hamburger nicht nur einen „breiten Blick auf kritische Situationen“, sondern bildet in verschiedenen Konstellationen ideale Partnerschaften mit anderen Autoren und in einer Reihe von Formaten. Mit Mark Dvoretsky war es eher die Hintergrunddiskussion zu dessen Klassiker „Die Endspiel-Universität“, mit Claus Dieter Meyer, u.a. in Buch und DVD „Taktische Endspiele“, die Symboise zwischen menschlichen Bretterkenntnissen und den Computercheck oder mit Jakob Konoval, einen russischen Schach-Programmierer, die strukturierte Auswertung von allen Endspieltypen mit bis zu 7 Figuren. Daneben standen früher bei ChessBase unzählige Studio-Gedankenduelle mit Spitzenspielern in der Internet-Live-Show „Endgame Magic“. Als Autor und Verleger des Buches „Olympiad United“ über die Schacholympiade in Dresden 2008 habe ich mit Müllers Suche nach Nuancen arbeitsreiche Erfahrungen gemacht. Nachdem Großmeister Jacob Aagaard, selbst ein Endspiel-Connaisseur, zu diesem Buch sein tiefschürfendes Endspielkapitel fertig hatte und ich bereits hoffnungsvoll einen layouteten Abschnitt an Karsten zum Korrekturlesen schickte, entspann sich plötzlich zwischen ihm und Jacob eine neue analytische Dimension und am Ende wurden Teile des Kapitels umgeschrieben und brachten zusätzliche Layoutarbeit auf meinen Schreibtisch. Eine solche Herangehensweise legt offen, wie präzise sich ein Autor seinem Thema annähert. Der einzige Nachteil kann dabei sein, dass man in zu komplexen Analysesphären eindringt und das Herunterbrechen des Variantenvolumens und der Erklärungen für den Allgemeingebrauch als Turnierspieler ohne Titelmeriten etwas zu kurz kommen.

Und hier tritt beim Werk „Endgame Corner“ der US-Amerikaner Alex Fishbein auf den Plan und zwar nicht ohne Grund. Diesem Großmeister-Duo hatte Verleger Hanon Russell nämlich bereits mehrfach die Neuauflagen von Mark Dvoretskys „Endgame Manual“ (das internationale Pendant zur „Endspiel-Universität“) anvertraut. Und nicht nur das, denn sie durften das enzyklopädieartige Werk von 500 Seiten in der Corona-Auszeit 2020-21 auf eine sogenannte „FastTrack Edition“ mit 200 Seiten komprimieren. Es herrscht entsprechend eine große Vertrautheit mit Gesamtüberblicken zu Endspieltypen. Dabei bringt Fishbein, der gebürtig aus St. Petersburg stammt und die russische Schachliteratur umfassend kennt, eine zusätzliche Herangehensweise ein, da er z.B. für die Zeitschrift „American Chess Magazine“ die Endspiel-Rubrik betreut und dabei den Fokus auf das Zurechtschneidern für den schachpraktischen Gebrauch eines Turnierspielers auf gutem Vereinsniveau legt (auf Deutschland bezogen sind das Spieler mit Brett-Wertungszahlen von 1600 bis 2100). Der aktuelle US-Seniorenmeister 2025 neigt dabei eher zu Worterklärungen und kennt aus seiner Trainerpraxis die Anforderungen für diese Klientele umfassend. Somit bündeln in „Endgame Corner“ zwei herausragende Endspielkenner ihre Vermittlungskompetenzen.
Müller & Fishbein schaffen mit ihren 450 Beispielen in mehrfacher Hinsicht Mehrwerte. Wer die ungefähr 100 wichtigsten Exakten Endspiele, deren Spielausgänge definitiv erforscht sind, verstanden hat, der wird überwältigt, wie praxisnah dieses Wissen gebraucht wird. Das Durcharbeiten von „Endgame Corner“ ist somit in erster Linie als eine Runderneuerung und ein wichtiger Schritt zur Festigung dieses Könnens zu sehen.
Alex Fishbein hat sich die Mühe gemacht, die Aufgaben, welche in fünf Schwierigkeitsgrade unterteilt wurden, mit einem Punktesystem zu versehen, so dass der absolut Lernwillige sich eine Art von „Endspiel-Elo“ erarbeiten kann – ob bei Durchforsten des Gesamtbestandes oder einzelner Abschnitte. Interessant ist dabei die Unterteilung in folgende neun Bereiche, die auf Endspiele abstellen, welche im Turnierleben am häufigsten entstehen:
(1) Unabdingbares Vorwissen (25 Stellungen)
(2) Bauern-Endspiele (100 Stellungen)
(3) Übergang ins Bauern-Endspiel (20 Stellungen)
(4) Turm-Endspiele (150 Stellungen)
(5) Ungleichfarbige Läufer-Endspiele (23 Stellungen)
(6) Leichtfigur gegen Bauern (24 Stellungen)
(7) Läufer- gegen Springer-Endspiele (28 Stellungen)
(8) Turm- gegen Leichtfigur-Endspiele (20 Stellungen)
(9) Verschiedene Materiallagen (60 Stellungen)
Es ist mit dieser Masse an Qualität nicht übertrieben, dass die Autoren hierin eine übungspraktische Ergänzung des Dvoretsky-Endspiel-Universität sehen und dessen Profi-Credo folgen, dass Stellungen ihren didaktischen Wert vor allem daraus ziehen, dass sie Rechenfähigkeit und Visualisierungsfertigkeiten feinschleifen. Jedes Kapitel bringt alle Aufgaben hintereinander – wie Trainingsbögen eben so sind - und sofort nach dem Kapitel die Lösungen mit wirklich dezidierten Fingerzeigen, was der Kern der Aufgabe ist und welche Stellungselemente gegeben sind. Fishbein, unten auf dem Foto 2025 beim Grenke-Schachfestival in Karlsruhe (aufgenommen von Harald Fietz), hat die Aufgaben zudem mit seinen Schülergruppen getestet, was sicher der Platzierung von Punktvergaben innerhalb einer Aufgaben zugute gekommen ist.

Schleifen ist hier absichtsvoll gemeint, denn hochwertige Testbücher wollen nicht nur einmal durchgearbeitet werden. Müller & Fishbein stellen für ihr Werk zwei andere Trainingskonzepte als anwendbar vor: Die „Woodpecker Methode aus der schwedischen Ecke mit den Großmeistern Axel Smith und Hans Tikkanen setzt auf mehrfaches Durchnehmen der Stoffmenge, wobei die Taktung, sprich verfügbare Zeit pro Aufgabe, reduziert werden soll. Eine Besonderheit von „Der beste Zug“ von Vlastimil Hort und Vlastimil Jansa aus der tschechischen Schachschule war die Abfrage der Stellungsbewertung als Multiple Choice, wobei dies das intuitive Schachgefühl stärken soll.
Diese zusätzlichen Trainingswege brauchen jedoch etwas, was nicht abschrecken sollte: 450 Endspiele erfordern gewaltige Denkmühen und vor allem Zeit – die man sich ohne Ungeduld mit mittelfristiger Planung gönnen sollte. Die Autoren veranschlagen 15 bis 20 Minuten pro Aufgabe. Was für eine Zeitstrecke in Tik-Tok- und Instragram geplagten Zeiten. Das sind bei 20 Minuten pro Aufgane in der Summe 150 Stunden und sagen wir 6 Aufgaben in zwei Stunden pro Sitzung macht also 25 Einheiten oder über mehr als zwei Jahre zweimal im Monat in den Endspielschwitzkasten. Es gibt m.E. nur ein ähnlich strukturiertes Werk, nämlich „Test your Endgame Ability“ von August Livshits und Jon Speelman (erschienen 1988 bei Batsford). Das Werk ist vergleichbar mit einem Punktesystem aufgebaut und umfasst 522 Aufgaben in 87 Sechser-Packungen, wobei dort je nach Schwierigkeit 60 bis 120 Minuten vorgegeben sind. Hinzu kommt, dass 522 Aufgaben allesamt Schachstudien sind und daher hohe Ansprüche an Variantenfinesse stellen.
Wer mit Müller & Fishbein einsteigen möchte, springt bereits hier voll in die Lerntortur und wird es nicht bereuen. Das Buch ist einfach nur mit Kaffee aus der roten Tasse (der Höchstbewertung) zu genießen. Es ist nicht bekannt, ob „The Big Greek“ Kaffeetrinker ist, denn seine trickreiche Stellung kam auf den Radar beim willkürlichen Reinfassen in die 335 Seiten. Natürlich findet sich eine spannungsgeladene Stellung: Wie ist die Einschätzung und wie geht es weiter mit Schwarz für Georgios Souleidis, d.h. wie tief muss visualisiert und berechnet werden?

Schwarz zieht.
Theo Gungl (2292) - Georgios Souleidis (2419)
Lüneburg (Schachfestival) 2016
Die Lösung zu dieser Aufgabe wird – zusammen mit weiteren Stellungen aus Rezensionen – in einem Extra-Blog zum Schulschach präsentiert. Denn ein guter Schachlehrer muss sich natürlich Gedanken machen, wie er spannende Beispiele aus Büchern, die in erster Linie stärkere Spieler adressieren, herunterbricht, so dass diese noch nicht so erfahrenen Spielern einen erfassbaren Lernwert bieten. Unabhängig davon zum Abschluß als Ermutigung das Resümee von Super-GM Wesley So aus seinem Vorwort: „Chess is a difficult and deep game even for me and endgames are a beautiful and special world.“ Man gönne sich das Vergnügen, als Training, als Reise- und Urlaubslektüre oder als Abendgenuß.
Info: Karsten Müller & Alex Fishbein, Endgame Corner - 450 Instructive Endgame Exercises, Russell Enterprise 2023, 336 Seiten, ISBN: 978-1-949859-85-0, Preis: 29,95 €.