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Modell für gute Taktiktests

(RC-Rez-1300-oo1)

Pandolfinis  „Target Practice“  erfrischt  konkurrenzlos

Von Harald Fietz

​Die 80er Jahre waren im Schach eine Zeit des steten Aufschwungs. Nachdem sich als Folge des Fischer-Booms in den 70er Jahren die Turnierszene vergrößerte, drängen mehr Neulinge verschiedener Altersgruppen in Vereine und der Bedarf an Grundlagen-Literatur wuchs. Bücher waren schließlich noch das Lernmittel Nummer eins. Während auf dem europäischen Schachbuch-Markt in der Taktikschulung eher die Fortgeschrittenen bedient wurden (von Rudolf Teschner „Sie sind am Zug“ oder auf Englisch C.H.O.‘D. Alexander „Penguin Book of Chess Positions“), fand man auf dem amerikanischen Markt früh Werke für Neulinge mit Grundkenntnisse. Fred Reinfeld und Irving Chernev gelten als Pioniere der Aufgabenbücher, meist mit 200 bis 300 Stellungen, aber auch bis zu 500 oder 1000 Aufgaben. Große Zahlen suggerierten quantitativen Lernwert und brachten hohe Auflagenzahlen – und diese Werke sind seit gut zwei Jahrzehnten als Neuauflagen auf dem Markt, d.h. sie sind wohl nicht so schlecht gewesen.

​Doch in den 80er Jahren trat in New York, damals immer noch das ultimative Zentrum der amerikanischen Schachszene, Bruce Pandolfini als Schachlehrer publizistisch auf den Plan. Ab Mitte der 80er Jahre richteten sich seine Einführungs- und Aufgabenbücher an die Kunden kurz nach Anfängerlevel aufwärts. 20 Bände listet sein Wikipedia-Eintrag für die Zeit zwischen 1985 und 1995 – es muss ein gutes Geschäft gewesen sein, für ihn und den Verlag. Gegen Ende dieser Dekade erschien 1994 unter dem Titel „Chess Target Practice: Battle Tactics for Every Square on the Board“ eine Sammlung mit 202 Taktikaufgaben (im täglichen Einsatz abgekürzt als „Target Practice“) . Ein etwas seltsamer Titel, der neugierig macht. Nach über 15 Jahren intensiver Basisarbeit im Schulschach kann ich mich nicht mehr erinnern, wie oder warum mir dieses Taschenbuch in die Hände kam. Es blieb auf alle Fälle von Beginn an im Dauereinsatz.

​Bruce Pandolfini (1947 in der Nähe von New York geboren) kann sicher als Prototyp für Geschäftstüchtigkeit auf dem sich entwickelnden Schachmarkt gesehen werden, welcher sich nach 1972 durch den WM-Triumph von Robert James Fischer auftat. Seine schachliche Karriere beendete er bereits Ende der 70er Jahre und in der MegaBase findet sich keine einzige Partie von ihm, während im Internet aus den 60er- und 70er-Jahren einige Begegnungen gegen Andrew Soltis, einen anderen renommierten US-Autor, jedoch mit GM-Titel, finden. Pandolfinis Schachstärke dürfte in etwa dem heutigen Level eines Candidate Masters entsprochen haben. In seiner US-Life-Rubrik wird der als „National Master“ angeführt (siehe Foto mit Auszug der Ausgabe von März 1981), was beim inflationären Hochjubeln in amerikanischer Wertungssystemen relativ betrachtet werden sollte. Auf alle Fälle sind seine Schachbetrachtungen auf einer fundierten Basis.


​Sein wahres Talent lag eher in der Schachvermittlung, ob als Schach-Experte im Fernsehen, als Privat-Coach oder als Leiter des Trainerstabs beim berühmten Marshall Chess Club. Gepaart war diese Gabe des Umgangs mit Schachschülern mit der Fertigkeit, Schachwissen systematisch in Trainingskonzepte und verständliche Ausführungen zu fassen. Seit 1979 schreibt er für die Zeitschrift „US Life“ und 1983 beriet er Walter Trevis beim schachlichen Teil des Romans „Queen’s Gambit“, dessen Netflix-Verfilmung heute zum Allgemeinwissen über Schach gehört. Etliche bekannte Schachspieler bekamen seine Ratschläge in jungen Jahren, darunter IM Josh Waitzkin, dessen Schachlebensgeschichte verfilmt wurde und Pandolfini wurde dabei von Ben Kingsley gespielt. Aber auch der ganz junge Fabiano Caruana kam ab seinem fünften Lebensjahr unter Pandolfinis Fitttiche.

​Diese späteren Könner waren jedoch nur die Spitze des Eisbergs, denn Pandolfini hatte immer „die Masse“ vor Augen, d.h. einfache und verständliche Beispiele mit einer instruktiven Kernaussage wurden sein Markenzeichen allzeit. Das mag trivial klingen, aber Anschaulichkeit und Verdaulichkeit der Beispiele, die ein guter Schachlehrer oder Schachautor einbringt, müssen erst mal gefunden, gefiltert und sinnvoll aneinander gereiht werden. Das muss bei den ersten Kontakten mit Basiswissen der wichtigste Maßstab sein. Wie schafft Pandolfini es in „Target Practice“?

​Nach über 15 Jahren Schachunterricht mit mehr oder weniger schachgeneigten Kids am Anfang ihrer Erkenntnispyramide glaube ich, dass der motivierende Einstieg wesentlich zum Lerninteresse und zum Wissensfortschritt beiträgt. Wenn schon bei den ersten ein, zwei Beispielen das „Lern-Aha“ einsetzt, dann regt es die Neugier an. Wie dies funktioniert soll an zwei Doubletten gezeigt werden: einmal ein ganz einfacher Fakt, dass ein Springer in der Ecke auf a1 gestrandet ist und dort gefangen ist oder es werden kann; das andere Mal eine gefangene Figur, die entweder sofort verloren ist oder die noch eingekerkert werden muss.

Weiß zieht.
Target Practice Nr. 2

Weiß zieht.
Target Practice Nr. 1

​Ich zeige diese Beispiele immer in dieser Reihenfolge. Das linke, wesentlich einfacher zu lösende Diagramm ist bei Pandolfini die Nummer 2 und das rechte Diagramm kommt in seiner Abfolge davor. Doch das ist m.E. lernlogisch nicht sinnvoll: die Annäherung des Königs mitsamt Abholung des Springers ist ein einfacher Einstieg und den schaffen alle – zumal wenig andere Figuren da sind. Beim rechten Diagramm wird aber aufgrund dieser Erfahrung oft mit Läuferzug nach c3 der Springer in der Ecke angegriffen und der entflieht dann über das Feld c2. Nach dieser Fehlleistung dämmert meist, dass dem schwarzen Springer dieser Fluchtweg genommen werden muss. Dann gelangt fast jeder zu der Antwort mit weißem Springer nach a3 und dann kommt der weiße Läufer via c3 zur Verhaftung. Die zunächst fehlerhafte Ausführung ist eigentlich nicht schlecht, denn das bleibt als Erkenntnis kleben und macht für die weiteren Beispiele aufmerksamer. Gerade bei eingeklemmten Figuren am Rand oder in der Ecke ist das ungeheuer wichtig, denn es stellt für die Spielpraxis im Schulschach einen wertvollen Lernzugewinn dar. Aber es geht auch etwas komplexer – wie die folgenden beiden Diagramme zeigen (immer noch im ersten Viertel des Buches).

Weiß zieht.
Target Practice Nr. 28

Weiß zieht.
Target Practice Nr. 29

​Nr. 28 wird mit verblüffender Regelmäßigkeit nicht sofort gelöst, denn einerseits glaubt man optisch, dass die schwarze Dame im weißen Lager ausreichend Rückzugswege hat und andererseits herrscht eine verständliche Abneigung, den weißen Springer auf a4 an den Rand zu befördern. Es folgen allerlei Versuche mit den anderen weißen Figuren und dann kommt die Erleuchtung und eben das „Aha“, denn der weiße Springer auf a4 greift die schwarze Dame auf b2 an und nimmt ihr gleichzeitig das Rückzugsfeld b6. Man hat hier einen Lernmehrwert, denn die multifunktionale Wirkung einer Figur wird veranschaulicht. Nr. 29 ist danach leicht zu finden: weißer Läufer nach b3 sperrt ein und Springer nach d1 holt ab.

​Solche anschaulichen Wege ohne Nebenlösungen reichen mir eigentlich als Qualität für eine instruktive Aufgabe. Und über die Jahre habe ich den Eindruck bekommen, dass Kids und Jugendliche diese Klarheit als einen Reiz schätzen lernen und die Richtung ihres Schachdenkens in taktischer Hinsicht umsichtiger wird. Pandolfini hat sich weitere „Hinweise“ ausgedacht: jedes Diagramm hat eine Seite und die Antwort ist so aufgebaut: - Benennen des letzten gegnerischen Zuges vor der Dia-Stellung; - Angeben des Zielfeldes; - Hinweis zum Taktikziel (bei Nr. 1 und Nr.2 z.B. Gefangennahme); - Lösungszüge; - Ergebnis mit Beschreibung (hier der Eroberung des Springers), - Angriffsprofil (der Weg zum Ziel, also hier erst dem Springer den Fluchtweg abschneiden und dann der direkte Angriff) und – eine allgemeine „Beobachtung“ (hier der Umstand, dass schwerfällige Springer eingekesselt werden können - auf Amerikanisch verwendet er dafür das Adjektiv „clumsy“). Und noch eine weitere Besonderheit durchzieht die 202 Beispiele: die Angriffsziele sind über das ganze Brett verteilt und somit soll das Lernen der Raumzonen geschult werden. Ich denke, die Beispiele sind wirklich gut zusammengefügt und mit wenig überladenen Stellungen gelingt eine Schärfung des Taktikblicks. Die Zusatzinfos kann man einbinden; das sollte jeder in seiner Praxis austesten.

​In der Summe ist dieses Buch ein absoluter „Aufreißer“ für den Einsatz in Gruppen oder Einzeltraining für Spieler um DWZ 1000. Man sollte früh anfangen, einzelne Diagramme oder Diagrammpaare in den Unterricht einzustreuen; dann je nach Zeit-Volumen größere Tests mit 16 bis 32 Diagramme, so dass man das Werk über 7 bis 12 Sitzungen ausbreiten kann.

​Dieses Buch verdient die rote Tasse als Höchst-Wertung, denn es sollte bei kleinen Lernwilligen das Feuer für taktische Mittel wecken und durch den gut dosierten Aufgaben-Fundus auch die Kombinationskraft, sprich die Denktiefe mit zwei Zügen, festigen. Es ist  wohl nicht übertrieben, es als unverzichtbaren Dauerbrenner in der Grundschule oder U10-Gruppen im Verein einzusetzen. Ich würde die Wirkung der Beispiele als „erfrischend“ bezeichnen, denn es ist in meiner langjährigen Schulschachpraxis mit den Übungen kaum vorgekommen, dass Müdigkeit einkehrte. Vielmehr spornten die einprägsamen Lösungen dazu an, noch eine Aufgabe und noch eine Aufgabe nachzufordern. Wenn die Kids dann ausreichend Sitzfleisch für 90-Minuten haben, bekommen sie noch die wahre Geschichte mit der Verfilmung der Josh-Waitzkin-Story nachgereicht. So fördert Schach beim Lösen und Sehen viele emotionale Momente, von denen man hofft, sie bleiben für ein Leben mit dem königlichen Spiel.


Info: Bruce Pandolfini, Chess Target Practice - Battle Tactics for Every Square on the Board, Simon & Schuster (A Fireside Book), 1994, 240 Seiten, ISBN: 978-0-671-79500-9, Preis: 15,99 € (Stand Oktober 2025 bei Amazon).