Hinweise für Schach-Denken mit dem richtigen Mindset
Von Harald Fietz
Wenn man als Schachlehrer in einer Schule den Denksport etwas umfassender wie in einer Nachmittags-Schach-AG etablieren möchte, dann sind die Anforderungen etwas umfangreicher: ein Lernziel, ein Lehrplan, Leistungstests und Lehrmaterial müssen sinnhaft und stringent konzipiert sein und in bestimmten Fällen vom Schulamt abgenommen und möglichst in der Schule angenommen sein. Selbst eine vertrauensvolles Umfeld mit engagierter Schulleitung, interessierter Lehrerschaft und motivierten Schülern bedeutet nicht, dass die Schach-Ausrichtung in einer Bildungsanstalt per se ein Erfolg wird. Als Schachlehrer sollte man sich der Aufgabe stellen, einen reichhaltigen Fundus so zielgerichtet und wissenswert selbst zu gestalten, dass man mit voller Überzeugung die Inhalte vermittelt. Dieser Anspruch kann (und sollte) in gleicher Weise für Vereinstrainer und Selbstlerner gelten. Es gilt also, aus möglichst unterschiedlichen Quellen das Beste und / oder das Passende mit eigenen Neuanalysen zu sammeln und zu systematisieren. Selten wird man auf ein analoges oder digitales Werk treffen, von dem man überzeugt ist, dass es in Gänze für den Konsum der Schachkundschaft taugt. Ich würde die Anzahl auf 100 Werke eingrenzen, die allumfassend den Entwicklungskorridor vom Anfänger mit Candidate Master oder FIDE-Master abdecken. Eines dieser Werke sticht heraus; man könnte es auf eine Top-Ten-Buchliste setzen, denn es bedient die vielleicht wichtigste Etappe in einem Schachleben, den Leistungssprung von DWZ 1500 (guter Schulschachspieler, regelmäßiger Vereinsspieler) auf DWZ 1800 (guter Vereinsspieler mit Ziel die 2000er-Marke zu knacken – wohlgemerkt am Brett und nicht einem der Schachserver).
Meine
Wahl für den Durchlauf dieses Leistungskorridors fällt auf „The Grandmaster Mindset – A First Course in Chess Improvement“
von Alojzije Jankovic. In einem Dutzend von Kapiteln handelt der kroatische
Großmeister auf knapp 200 Seiten vor allem Mittel- und Endspielphasen (und
einige Eröffnungsreinfälle) ab und beleuchtet, auch durch Rückgriff auf eigenen
Erfahrungen, die Denkprozesse und kritischen Entscheidungsgabelungen. Insgesamt
sind es 100 Stellungen plus drei komplette Partien. So gibt es zur
Springergeometrie in eine Damengambit-Partie der kroatischen Trainer Legende GM
Dražen Marović sowie daneben eine Kurzpartie mit überraschendem
Damenopfer des niederländischen „Schach-Philosophen“ IM Willy Hendriks und eine
lange Begegnung des kroatischen Ex-Europameisters von 2006 GM Zdenko Kožul zum vernachlässigten
Thema der Blockade und wie man die Festung aufbricht (siehe Foto unten
aufgenommen von Harald Fietz in Warschau 2013 bei der
Mannschaftseuropameisterschaft). Erschienen ist das Paperback 2020 zu Beginn
des Corona-Lockdowns. Irgendwie ist es trotzdem über längere Zeit auf einem Bücherberg in meinem Arbeitszimmer neben anderen Neuerscheinungen
liegen geblieben.

Als
ich in dieser gesellschaftlichen Aus-Zeit etliche mir für Lehrzwecke wichtige Werke in
ChessBase-Format brachte und daraus Karteikarten für den Unterricht erstellte,
fand ich langsam den Zugang zum Buch von Jankovic. Je mehr man die Seiten
durchforstet, desto praktischer wird das Werk. Zum einen ist die Anzahl der
Aufgaben überschaubar und lässt sich leicht in Lektionen runterbrechen. Die
Themenvielfalt der 12 Kapiteln reicht von der Wiederholung (Check) bekannter
Taktiken (Fesselung, Grundreihenmatt, Ersticktes Matt, Patt, Blockade,
Gefangene Dame und Zwickmühle) bis zu Grundsatzthemen, die ab DWZ 1500 noch
tiefer durchdrungen werden sollten (Kandidatenzüge, Endspielpraxis, verschiedene
Arten von Königsangriffen, Unterumwandlung, Kraft der Türme) und den chic
aufgemachten Themen wie „Köder für den König“ und „unerwartete Züge“. Es ist
eine Bandbreite für aktives Spiel aus jeder Lage, ob an direkte Attacke oder
als Gegenangriff aus der Bedrängung.
Was
am Präsentationsstil von Jankovic gefällt, ist der Plauderton (ähnlich seiner
Art im Internet bei Turnierübertragungen gelassen über gute und schwache Züge
zu sinnieren). Dieses „geschriebene Erzählen aus der Denk- und Gefühlslage
eines Großmeisters“ ist nie ausufernd und mit übermäßiger Selbstdarstellung,
denn er scheut sich auch nicht Verluststellungen und Achterbahnen an
Spielverläufen zu präsentieren und daraus Schlußfolgerungen für besseres Schach
abzuleiten. Das ist seine Art das „Mindset“ zu präsentieren und mit den
täglichen Aufs und Abs des Schachspiels schonungslos umzugehen. Viel zu oft
ärgert man sich über Fehlleistungen und sucht den schnellen
Wiedergutmachungserfolg beim nächsten Duell. Gerade Internet-Streamer mit
niedrigeren Spielstärken sind hierfür anfällig und sie zeichnet auch oft eine
zu geringe Wissensbasis aus, denn diese zu stärken bedeutet, sich durch
bestimmte Trainingsstoffe zu allen Partiephasen zu quälen. Hierzu streut
Jankovic geschickt solche Beispiele ein, die man als „trockene Kost“ auch lernen
muss (hier insbesondere praxisrelevante Endspiele, inklusive Mattsetzen mit
Springer + Läufer auf 8 Seiten und ich würde selbst hier das Prädikat
„wertvoll“ vergeben). Zahlreiche Analysen sind kurz und knapp und drücken auf
die schnelle Tube in der Art „Verstehe ich nun“, andere sind eher ausführlich,
wie etwa das nachfolgende, als Diagramm abgebildete Turm-Endspiel über 4 Seiten (mit anschaulichen 16
Diagrammen zu den Partiezügen und verschiedenen Varianten, die aber nicht
ausufern). Dosierung ohne Verlust einer ausreichenden Erkenntnistiefe kann
sicher als ein Gütezeichen dieses Lernwerks genannt werden. Und das ist dem
Schachlehrer und dem sich verbessern wollenden Schüler dienlich. Das Ausloten
der folgenden Stellung braucht nur einen Luxus – nämlich Zeit.

Weiß zieht.
Gata Kamsky (2671) - Etienne Bacrot (2708)
Sofia 2006
Es brauchte zwischen
zwei Top-Großmeistern noch weitere 34 Züge und am Ende entschied ein Gewinn im
Endspiel Turm gegen Springer (ohne jeglichen Bauer) und selbst nach dem einzigen
Fehler wurden in diesem Endspiel mit minimalem Material noch über 20 Züge notwendig. Man mag stöhnen, aber wer niemals
den unbequemen Weg gehen will, braucht sich über sein Verweilen auf einem
Leistungsplateau nicht wundern.
Am
Ende ist der Mehrwert und auch die Lern-Stimulanz der Mix zwischen Freude am
taktischen Feuerwerk und Einsicht in das Erlernen von Berechnungskalkulation
und Einstudieren von exaktem Wissen, welches über Generationen bestätigt wurde.
Man sollte selbst bei guter Dosierung und willigem Einsatz mit einem bis zwei
Jahren Arbeitsaufwand rechnen, da man eventuell nicht stetig das gleiche Werk
beackern möchte. Wer stark ist, orientiert sich an der Gleichung 12 Kapitel =
12 Monate.
Das
Werk verdient eine rote Tasse, denn unabhängig vom instruktiven Material ist
der Umfang an Worterklärungen gut dosiert und zudem helfen überdurchschnittlich
viele Diagramme als visuelle Anker. Ich würde fast sagen, gelingt eine gewisse
„Verführung“, einfach aufzuschlagen und zu sehen – oh, bereits erledigt oder
nein, das auch noch … aber nehmen erfolgreiche Sportler nicht immer den
unbequemen Weg im Training und suchen die passgenaue Antwort bei der Annäherung
an die Entscheidung?
Info: Alojzije Jankovic, The Grandmaster Mindset - A First Course in Chess Improvement, Thinkers Publishing 2020, 200 Seiten, ISBN:
9789492510778, Preis: 23,50 €.