Nostalgische Anmerkungen zum Schachschreiben in Buchform
Von Harald Fietz
Vor 25 Jahren, zu einer Zeit da das Internet ganz langsam in unser tägliches Leben kroch und erst eine Dekade später umfassenden Besitz von unseren Tagen nahm, verfasste ich zusammen mit FM Hartmut Metz und unter analytischer Mithilfe von GM Artur Yussupov ein Turnierbuch über die Frankfurt Chess Classics 2000. Hans-Walter Schmitt, seit 1994 der Macher hinter der ganzen Schnellschachfestival-Idee in Frankfurt und ab 2001 in Mainz, wollte zur Jahrhundertwende und dem denkwürdigen Umstand, dass alle Spieler der damaligen Weltranglisten-Top-Ten an einem Ort spielten, ein Turnierbuch. Gerade so wie früher, zu Zeiten da herausragende Zusammenkünfte der Denkkünstler für die Nachwelt verewig wurden. Damals war eine Printproduktion noch eine Würdigung für Sponsoren; heute interessieren schnöde Klicks und Likes als Aufmerksamkeitswährung. Gesagt, getan, dass Presseteam mit Metz & Fietz bequemte sich tatsächlich an die Arbeit zu gehen, zumal die Umstände passten. Hartmut Metz, der damals als Sportredakteur beim Badischen Tagblatt in Baden-Baden arbeitete, hatte als Pressechef ohnehin schon viele Hintergrundartikel verfasst, und ich kümmerte mich während des Turniers um das Bulletin und war so auf Höhe mit den vielen Partien. Einen Super-GM wie Artur Jussupov an der Seite zu haben, garantierte erhellende Kommentierungen, zumal der frühere WM-Kandidat die Eigenheiten der Top-Spieler kennt und während des Turniers als Kommentator aktiv war. Das untenstehende Foto zeigt den gebürtigen Russen 2007 bei den Mainz Chess Classic, also nach dem regionalen Umzug des Rapid-Schachfestivals von Frankfurt nach Mainz (aufgenommen von Harald Fietz). Einen wichtigen Unterschied offenbart das Foto ganz nebenbei: man ließ ab Mitte der Nullerjahre eine Engine mitlaufen (hier Spike, ein eher schwächeres Schachprogramm). Damals war das eine Neuerung als Zuschauer-Service, heute ist die Rechnerabsicherung selbst für gestandene Großmeister absolut üblich und nicht mehr wegzudenken, aber anno 2000 galt das Urteil des Meisterspielers. Für das Buch ließ man zwar eine frühe Fritz-Engine „mitmachen“, aber den instruktiven Wert eines Partiewendepunktes verstand damals eben nur der erfahrene Turnierspieler in allen Facetten zu vermitteln.

Zudem war Viswanathan Anand aufgrund der besonderen Verbindung mit Hans-Walter Schmitt als seinem Manager bereit, etliche Partien unter die Lupe zu nehmen. Alle Top-Spieler hatten zudem die vertragliche Pflicht, zwei Partien kommentiert abzuliefern, wobei sich nur Gary Kasparov dem entzog und seinen Sekundanten Yuri Dokhoian die Aufgabe erfüllen ließ. So konnte mit dem bekannten Schach-Grafiker Frank Stiefel an der Seite das Schreiben und vor allem der Selbstverlag beginnen. Stiefel wohnte damals in Berlin, so dass gemeinsame Sitzungen den Inhalt im Layout voranbrachten und ich hatte, aufgrund regelmäßiger beruflicher Aufenthalte in Prag für Projekte in der Verkehrstelematik und der Stadtplanung, die Möglichkeit mit einer tschechischen Druckerei, die einem Familienmitglied des damaligen Staatspräsidenten Václav Havel gehörte, den Druck und die Auslieferung abzuwickeln. Das ging alles irgendwie problemlos, obwohl die tschechische Republik damals noch nicht Teil der Europäischen Union war. Am Ende standen nach mehreren Monaten intensiver Schreib-, Übersetzungs- und Layout-Arbeit im Farbdruck mit 360 Seiten und eine Momentaufnahme vor den Abstieg der Sowjetunion als Schach-Vormacht. Kasparov verlor den Titel an seinen Landsmann Vladimir Kramnik und dieser hielt ihn noch acht weitere Jahre fest. Im Mannschaftsschach bei Olympiaden siegte Russland 2002 letztmals. Es erstaunt immer wieder, zu sehen, was aus der Schachwelt und den Persönlichkeiten seit damals geworden ist. Das verdeutlicht wie in einem Brennglas den historischen Wert der Zeitenwende. Solche Fixpunkte zu markieren ist in der heute schnelllebigen Zeit verloren gegangen. Es wird bald vergessen oder weitergehetzt. Das Buch gestattet die Tiefenschau auf hochklassiges Schach und trägt nach meinem Ermessen ungemein zur Motivation für weitere Schachaktivitäten bei – und das versuche ich noch heute meinen wesentlich jüngeren Schachschülern zu vermitteln. Lest Schachbücher, statt Euch oberflächlich durch das Internet zu klicken. Doch ist das vielleicht schon ein letzter Unkenruf eines Nostalgikers? Vor diesem Hintergrund unternahm ich 2008 ein gewiss letztes Unternehmen in diese Richtung, also die Mühe, einen denkwürdigen schachgeschichtlichen Moment (drei Wochen Schach-Olympiade) in einen bleibenden Rahmen zu setzen.

Diesmal waren die Kollaborationen breiter aufzustellen, denn eine Schacholympiade bringt wohl die größte Bandbreite an Spielertypen aus der ganzen Welt an einen Ort (Foto oben aus dem Turniersaal auf die Hauptbühne, aufgenommen von Harald Fietz). Es gesellten sich wiederum renommierte Schachautoren dazu, allerdings aus Regionen, die nicht per se auf dem deutschen Schachmedien-Radar waren und es auch heute kaum sind. Gerade das schafft aber neue und unbekannte Einblicke. FM Josip Asik schrieb zu jener Zeit nicht vorrangig für Schachjournale, sondern war Zeitungs- und Radio-Journalist für serbische Sportmedien (heute ist er Herausgeber von American Chess Magazine); Frauen-GM Anna Burtasova befand sich mit ihrem Jurastudium im russischen Vladimir in der Endphase und verfasste bereits regelmäßig Beiträge für das russische Schachmagazin „64“, damals noch unter der Redaktion des bekannten Alexander Roshal (heute ist sie Internet-Produzentin bei wichtigen FIDE-Welt-Ereignissen wie Kandidatenturnieren). Das Dutzend der Hauptlieferanten von Wort-, Foto- und Partiebeiträgen wurde 2008 durch neun weitere Mitwirkende aus verschiedenen angesehenen Ecken der Schachszene vervollständigt (dazu mehr in weiteren Blogs dieser Rubrik). Das untenstehende Foto zeigt einen Moment aus der Dresden-2008-Arbeit im Pressezentrum mit Anna Burtasova (links) und Anastasia Karlovich (Mitte) und dem Schreiber dieser Zeilen (aufgenommen von Josip Asik). Frank Stiefel war in 2009 erneut für das Layout verantwortlich und zur Publikation gründete ich meinen eigenen Verlag „Schach Wissen Berlin“, denn die Idee, sich hauptberuflich als Schachlehrer zu etablieren, stand seit dem Schulschach-Boom im Nachgang der Trierer Schulschachstudie bereits im Raum. Da konnte ein „Veröffentlichungsorgan“ keine schlechte Beigabe sein.

Die Erlebniswelt rund um diese drei Wochen Schach in der sächsischen Metropole und im Nachgang die internationale Zusammenarbeit auf Englisch (gerade mit dem bekannten Schachjournalisten und Schachhistoriker Jimmy Adams an der Seite) schufen eine Vielfalt an Erkenntnissen, die später in der Arbeit als Schachlehrer immer wieder inspirierend wirkten. Einige schachpraktische Stichpunkte wären hier als Themen des Turnierbuchs zu nehmen: wie bereite ich mich professionell auf eine wichtige Partie vor; wie präzise kann ich Analysen und Gedanken zu meinen eigenen Partien abfassen oder wie betrachte ich das Schachwirken von Ausnahmekönnern (Magnus Carlsen befand sich gerade in der letzten Phase, 2009 den Sprung auf Weltranglisten Platz eins zu schaffen, den er seither konstant hält). Ein Buch ist im Entstehen ein Zusammenfließen von vielen Eindrücken, Bewertungen und Fakten und oft erschließen sich größere Zusammenhänge wie auch Details erst beim späteren Lese- und Nachspielvorgang. Somit ist das Publizieren auch eine Wertschätzung für großartige Schachleistungen, die man eben nicht nur per Social Media oder Webübertragung vorbeihuschen lassen sollte. Doch der ganze Vorgang in Papierform kostet eben auch Zeit.
In meinem Fall erwies sich das neue berufliche Standbein als externer Betreuer von Schachgruppen in Schulen schnell als so umfassend lukrativ, dass weitere Publikationsideen auf kleiner Flamme blieben. Einzig Heinz Rätsch, die ehemalige DDR-Schachtrainer-Legende und der erste Frauen- und Nachwuchs-Bundestrainer im wiedervereinten Deutschland, hatte wirklich anregende Ideen, seine jahrzehntelange Erfahrungen zu Papier zu bringen. Das erste Treffen gab es anlässlich des Schulschach-Kongresses 2011 in Ettlingen (bei Karlsuhe) und daraus ist dann ein Lehrbuch mit seiner „selbst-geschaffenen“ Sicht auf Schachtaktik in Form der Schlagvariante geworden und die zweite Buchhälfte füllen mit Reflektionen über Siegerwege in der Sizilianischen Verteidigung. Das Buch kam 2015 heraus und verschiedene Arbeitstreffen spannten zuvor den inhaltlichen Bogen auf dieser Vorhaben aus. Man erweitert bei Diskussionen über die Themenauswahl seinen Schachhorizont enorm. Heinz Rätsch wusste Schachwissen im Gespräch und beim Schreiben zu komprimieren, aber auch an der Schachbasis seinen Schützlingen zu vermitteln, wie auf dem Foto oben beim Schachfest 2013 in unserem Berliner Soldiner Kiez mit zwei jungen Schülerinnen, von denen eine in 2025 mit ihrer Berliner Mannschaft in die Frauen-Bundesliga aufgestiegen ist (aufgenommen von Harald Fietz).

Doch auch die Schachbuchszene verändert sich und seither ruht ohne Bedauern die Verlagsaktivität in unserem Berliner Kiez, denn einerseits bringen derzeit viele Verlage wirklich herausragende Werke auf den Markt, andererseits ist die Nachfrageseite nach Printprodukten wegen der digitalen Konkurrenz nicht mehr so einträglich. Das mag sich punktuell ändern, wenn z.B. in deutschen Schulen eine gewisse De-Digitalisierung (wie aktuell in Skandinavien) stattfinden würde und davon auch das Schulschach betroffen wäre. In der Summe sind Zusammenarbeiten mit engagierten Schachschreibern jedoch ein genereller Push für weitere Schach-Engagements in allen möglichen Bereichen. Davon wird in kommenden Blogbeiträgen mehr im Detail berichtet. Ich glaube, wir sind zurecht viel digital in der Schachszene unterwegs, aber es wird einen gewissen Trend zurück zu analogen Medien geben. Das Schreiben von Schachbüchern wird seinen Stellenwert behalten – auch oder gerade in KI-Zeiten.