Volltreffer für eine grundlegende Buchauswahl als Schachlehrer
Von Harald Fietz
Nach 15 Jahren hauptberuflicher Schachtätigkeiten an Grundschulen und weiterführenden Schulen hat sich meine Bücher-Top-Ten verfestigt. Es ist die Kenntnis, eine Volltreffer-Basis zu haben, mit der man ähnlich einem erfahrenen Kegeler mehr wie einmal einen „Strike“ landen kann – nur fallen hier nicht 9 Kegel, sondern es purzelt der Inhalt aus 11 Büchern. Diese Übersicht ist als erste Orientierung gedacht und soll allen engagierten Schachlehrern unabhängig von ihrer jeweiligen Organisationsausrichtung etwas bieten, d.h. von der einfachen Schach-AG bis zum Einsatz als regulärem Fach. Die Literaturauswahl ist explizit für jene gedacht, die eigenes Lehr- und Lernmaterial erstellen wollen, d.h. nicht nur etablierte Lehrgänge wie das Brackler Schachdiplom oder die Stufenmethode einsetzen, sondern diese mit einer systematischen, eigenen Themenpalette ergänzen wollen. Es ist die Creme des Bestands, den ich während der Corona-Auszeit und kurz danach komplett durchgearbeitet habe, jede einzelne Stellung mit ChessBase erfasste und zudem für jede Stellung eine Karteikarte erstellte. Anhand dieser Buch Top-Ten generiert sich ein Fundus von ungefähr 2.000 Aufgaben. Man kann dieses 1:1 Übernehmen, aber das halte ich für zu profillos. Ein Schachlehrer sollte - wenn er damit seinen Lebensunterhalt bestreiten will, ein eigenen Profil erarbeiten und umtriebig sein, d.h. Material aus verschiedenen Quellen zusammenfügen, u.a. andere Büchern, Zeitschriften, Internetquellen, DVDs oder dem eigenen Spielumfeld. Mein eigener Bestand beläuft sich aufgrund von 50 Jahren Auswertung von Schachpublikationen auf 12.000 Karteikarten (davon 4.000 für das Schulschach, doch für den Anfang reicht auch ein Viertel, denn der Gesamtbestand deckt alle schulischen Bereiche von Klasse 1 bis 12 bzw. 13 ab). Anregungen zum konzeptionellen Aufbau eines Schulschachkonzepts werden an anderer Stelle auf dieser Webseite umrissen. Hier soll zunächst als Anregung ein Vorschlag für den Aufbau der Materialbasis eines eigenen Schachlehrerprofils skizziert werden.
Meine Best-of-Chess-Books-4-Schools-Liste habe ich auf eine Top-Ten beschränkt (mit dem Hinweis, dass jedes Werk einzelnen im den Rezensions-Blogs dieser Webseite vorgestellt wird). Ein Zusatzbuch (der 11. Freund) hat sich kürzlich beim Stöbern in meinen Buchbeständen eingeschlichen, aber das Buch des zweiten Schach-Weltmeisters ist eher für eine spontane Unterrichtsintervention geeignet, d.h. wenn man spontan etwas historisches Angestaubtes mit allgemeingültigem Wert rausholen möchte:
[01] Bruce Pandolfini, Target Practice (1994)
[02] Nicolas Griffard & Jacques Elbilia, 100 Exercises pour progressez aux Echecs (1999)
[03] Alojzije Jankovic, First Course in Chess Improvement (2020)
[04] Bent Larsen, Taktik och Teknik i Slutspelet (1977)
[05] Eugene Perelshteyn & Nate Solon, Evaluation like a Grandmaster (2022)
[06] Israel Gelfer, Positional Chess Handbook (1991)
[07] Ludek Pachman, Wie überliste ich meinen Gegner? (1985)
[08] John Walker, The improving player’s puzzle book (1999)
[09] Karsten Müller & Alex Fishbein, Endgame Corner (2023)
[10] Karsten Müller & Jerzy Konikowski, Taktische Endspiele (2024)
[11] Emanuel Lasker, Lehrbuch des Schachspiels (1925, 4.Aufl. 1977)
Was die Bücher im Speziellen bieten, wird im jeweiligen Rezensions-Blog in Einzelbesprechungen eingeschätzt. Hier möchte ich nur einige allgemeine Gründe für die Auswahl aufzeigen und warum mir diese Werke für Training mit Schulgruppen bis DWZ 1700 so vertraut geworden sind. Nur die Werke mit Nummern 01 & 02 sind für den Grundschulbereich bzw. für jugendliche Anfänger geeignet. Die restlichen Bücher lassen sich auch locker für Erläuterungen & Analyse mit Spielstärken bis DWZ 2000 anwenden, sind aber m.E. für den Schachlehrer so anregend, dass er mit fast jeder Stellung auch niederschwelligeres Inhaltsniveau bespielen kann.
Und damit sind wir genau beim Thema: Wieviel Eigenprofil sollte ein Schachlehrer in seinen Unterricht stecken? Ich denke, eine ganze Menge und zwar genau an der Lernschnittstelle, wenn die Schüler mit dem „großen Fressen“ durch sind. Damit meine ich, dass der Anfänger alle Grundelemente des Schachspiels in einer großen Anzahl wieder und wieder durchnehmen soll, so dass dieses Wissen (z.B. Schachdenken wie angegriffene Figur erkennen, Schach parieren, Figurenzusammenspiel sehen usw. bzw. Rechentiefe von bis 2 Züge voraus) absolut gefestigt ist. Diese Ausbildung von Denkroutinen kann man einfach Lernsystemen wie der Stufenmethode oder Chess King Apps auf Tablets überlassen – viele Schulen sind hierzu technisch in der Lage oder die Eltern bereit, 25 Euro für drei Apps zu investieren, was insbesondere in den Ferien zusätzliche Lerneffekt bringt. Hier gilt nämlich Quantität mit bewährter Qualität. Dann beginnt die Phase, in der spezielle Themen mit kleineren Aufgabenmengen gezeigt sind (takische Motive, Mattmuster, exakte Endspiele, Eröffnungsfallen, Eröffnungsprinzipien, strategische Elemente, Stellungähnlichkeiten und Bewertungsnuancen usw.). Der Zettelkasten des Schachlehrers ist gefragt, denn er sollte nun nach seiner Lernphilosophie mit instruktiven Beispielen für Staunen sorgen. Die Zettelbox darf wachsen ...

Hier sind aus der obigen Liste die Bücher mit Nummern 03 – 10 eine solide Quelle für das klassische Erbe, welches idealerweise mit Beispielen aus der aktuellen Turnierpraxis (oder dem Umfeld der Schüler) gemischt werden sollte. Nicht das 495 Strategiestellungen aus Gelfers Buch oder 450 Endspielstellungen aus der „Endspiel-Ecke“ von Müller & Fishbein durchexerziert werden müssen, aber die Struktur dieser Werke und die Bandbreite an Beispielen ebnet den Weg zu kleinteiligen Lektionen mit 4 bis 8 Stellungen pro Doppelstunde. Ich denke, der Schachlehrer sollte sich selbst in die Pflicht nehmen und viel durchschauen, um dann seinen Aufgaben-Pool zurechtschneidern … wer mit einen Karteisystem arbeitet kann ggf. Aufgaben austauschen, aber das kommt m.E. selten vor. Die Bücher garantieren für das Training ab DWZ 1100 aufwärts einen Güte-Input. Der Schachlehrer sollte sich entsprechend befähigen, nicht immer mit dem gleichen Wissenskoffer anzureisen, sondern, wenn möglich, garniert mit Hintergrundgeschichte, auch anspruchsvolle Beispiele für die Schulschachgruppen verdaulich zu bereiten. Besonders gut kommen dabei Beispiele von reichweitenstarken Schach-Influencern wie Hikaru Nakamura (Top-Großmeister & Weltelite bei schnellen Bedenkzeiten) oder Alexandra Kosteniuk (Weltmeisterin 2008 - 2010). Diese sind einerseits den jungen Kunden aufgrund ihrer „Zocker-Mentalitäten“ geläufig, andererseits pflegen sie aber natürlich ein reales Am-Brett-Turnier-Leben, welches oft nicht so bekannt ist. Gerade in den Jahren nach dem Corona-Lockdown ergaben sich in meiner Praxis bei solchen Schnittstellen lebendige Schachdiskussionen.
Folgende Vorzüge lassen sich für meine 11 Buchfavoriten nach mehrjährigen Einsätzen anführen – ich nenne jeweils nur eine Stärke, was allein schon die Bandbreite aufspannen sollte:
- Die Aufgabenzusammenstellung sollte einen inhaltlich „roten Faden“ haben, d.h. komplexe Beispiele sollten durch vergleichbare Beispiele, die zuvor gelöst wurden, erklärbar sein (gilt hier insbesondere für Nr. 01);
- Multiple Choice Aufgaben sollten „reizvolle“ Alternativen aufzeigen, die die richtige Lösung gut „verstecken“ (gilt hier insbesondere für Nr. 02);
- das Potpurri an Themen sollte, wenn möglich, einen ehrlichen Autorentouch haben (gilt hier insbesondere für Nr. 03);
- die Aufgabenzusammenstellung sollte nicht von ähnlichen Werken abkupfern (gilt hier insbesondere für Nr. 04, welches ich aber nur als digitale Ausgabe im Web fand – doch Bent Larsen bürgt per se für Originalität – vielleicht findet sich irgendwann in einem Antiquariat auch die dänischsprachige Broschüre; so geht es aber auch mit eigener Analyse und Update aus Datenbanken);
- Autoren, die über die Aufgaben samt der Anwendung in der eigenen Trainingspraxis berichten, sind mir stets wohlwollend auf dem Radar (gilt hier insbesondere für Nr. 05);
- Vielfalt der Themenstruktur, gerade beim Ausleuchten der strategischen Elemente, ist nie trivial und dann muss das Beispiel zudem prägnant sein (hier für Nr. 06 und deutlich bevor Engines als Assistenzen hinzutraten, denn heute kann man wirklich nachvollziehen, was die Autoren damals eigenständig fanden und es ist augenöffnend wie der Silikon-Freund hier oft auch nicht mehr anzeigt – solche Beispiele sind wirklich illuminierend für die heutige PC-anhängliche junge Kundschaft – siehe Beispiel am Ende dieses Blog-Betrags);
- Themen rund um „das Überlisten“ sind heute eher en vogue, aber hier hat Pachman, sonst eher mit den soliden Schachthemen befasst, wirklich im Neuland gewühlt (daher ist Nr. 07 allein schon wegen des „glatten Terrains“ eine Entdeckung und es wundert, dass wenige Schachschreiber dieses psychologische Thema mit Erkenntnisgewinn ausleuchten – die 100 Aufgaben sind so diskussionswürdig, dass sich viele Trainingsstunden füllen lassen – es ist quasi Cheating mit legalen Mitteln);
- ein m.E. unterschätztes Taktik-Rätselbuch ist der Walker-Band, der sich wunderbar qualitativ und quantitativ aufteilen lässt und manche überraschende Kopfnuss enthält (gleichwohl ist Nr. 08 ein Buch mit einer unrühmlichen Geschichte und wie schwer unschuldiges Schach und moralischer Abgrund zu differenzieren sind, wird die Einzelbesprechung aufzeigen);
- die beiden Endspiel-Bände mit Karsten Müller und zwei renommierten Ko-Autoren sind eher sachlich-trocken, wie es eben im Engine-Zeitalter vorkommt (hier überzeugen bei Nr. 09 & Nr. 10 die vielen Engine-Entdeckungen gepaart mit fachlicher Einschätzung von Trainern auf Top-Level, was überraschend gut runtergebrochen werden kann, wenn man Jugendsprache aus dem Schulalltag dazu bringt)
- und abschließend ein Buch, welches bei mir sehr lange nur im Regal stand, aber aus einem komischen Grund den Genuss der Lektüre fand; der deutsche Weltmeister Lasker hat (ebenso wie Tarrasch) bei der Ausprägung der sowjetischen Schachschule einen hohen Stellenwert besessen (das wird nun mit vermehrten englischen Übersetzungen aus dem Kyrillischen sichtbarer). Da steht es jemanden, der Deutsch als Muttersprache hat, erst recht an, eine Werk zu lesen, bei dem ein Ex-Weltmeister den Neuling adressiert. Je mehr man in Laskers in seinem Zeitgeist mit prägnant erklärten Beispielen und seiner Partieauswahl rumschaut, desto mehr verwundert als Input für die Gegenwart die geistige Frische und damalige Voraussicht, die Mitte der 20er Jahre auch beim Schach herrschte (Tartakower und Reti sind Autoren mit ähnlich pointierter Feder); für den Schulunterricht halte ich es auch für reizvoll zu zeigen, wie in diesem Zeitalter vor der geistig-moralischen Abdunkelung von 1933 auch andere Bereiche Pionierleistungen vollbrachten – urbane Stadtinfrastrukturen, Flug- und Militärtechnik, Fotografie, Physik, Chemie und Medizin in verschiedenen Bereich usw. – hätte man doch nur mal ein paar Gespräche zwischen Lasker und Albert Einstein zu ihrer Berliner Zeit in bayerischen Viertel in Schöneberg auf Podcast gebannt … so darf den Lernwert ein Schachlehrer im Kleinen am Einzelbeispiel „ausmalen“.
Und genau dieser Phantasiespielraum sollte m.E. der Anspruch eines Schachlehrers sein: jede gut gewählte Stellung kann ein Edelstein des Schachlernens sein und auf einer Karteikarte wandert diese durch den Klassenraum ... dazu bald mehr in diesem Blog oder einem anderen Betrag auf dieser Webseite. Filtert aus den 10 Büchern 1.000 Aufgaben, die Euch als Schachlehrer instruktiv erscheinen und testet diese - es wird Augen öffnen!