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Dekonstruktion einer GM-Kombi mit Kinderaugen

(CC-Schu-Scha-002-L)

Wie  einfaches  Taktik-Wissen  in  Turnieren  zur  Anwendung  kommt

Von Harald Fietz

​„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr,“ gilt als geflügeltes Wort um Kinder anzustoßen, in jungen Jahren Wissen in sich reinzupumpen. Sicher kann man auch mit fortgeschrittenem Alter die Schachgrundlagen erlernen, aber Kinder im Grundschulalter sind nun mal in ihrer Entwicklung fixer, um Schachfakten zu erfassen und mit Begeisterung anzuwenden. Ihre Übertragung von simplen Lösungen auf komplexere Situationen umgibt oft eine Unbekümmertheit, die es ihnen erleichtert, Wirkungszusammenhänge als logisch zu begreifen. Dieser Umstand soll hier anhand einer Großmeister-Kombination veranschaulich werden. Diese wurde 2018 von einem brasilianischen Großmeister mit den weißen Steinen gegen einen Internationalen Meister aus Andorra bei der Schach-Olympiade in Batumi gespielt. Schauen wir uns zunächst drei einfache Taktik-Motive an und packen die Lösungswege danach in eine kombinatorische Gedankenkette. In jeder der drei Stellungen ist Weiß am Zug.

Taktikmotiv A

Taktikmotiv B

Taktikmotiv C

​Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen diesen drei Stellungen und welche taktischen Motive erkennt man? Es geht hierbei um unabwendbare, forcierte Wirkungen, also entweder einen entscheidenden Materialvorteil oder um einen Angriff auf den gegnerischen König, der im Idealfall zu einem Matt führt. Und es ist fast immer wichtig, wer seinen Angriff zuerst realisieren kann. Da Weiß bei allen drei Stellungen beginnt, ist klar, dass der schwarze König ins Visier gerät, und zwar zunächst dort, wo sich die Kraft der angreifenden Figuren bündelt. Das wären nach bestimmten Zügen also das Feld g7 bzw. das Feld h7. Zudem wäre die weiße Dame auf dem Feld h8 mit dem finalen Mattzug parat, falls der schwarze König nach f8 gescheut wird. Mit diesen kurzfristigen Vision ist sind die Lösungen leicht zu finden.

Taktikmotiv A ist offensichtlich, wenn man vorrangig das weiße Figurenzusammenspiel betrachtet. Die weiße Dame auf b1 und der weiße Springer auf g5 richten sich zusammen auf das Feld h7 aus. Ein Schachgebot dort würde den schwarzen König nach f8 treiben und dann ein Grundreihenmatt mit der weißen Dame auf h8 realisieren. Doch was (besser wer) stört hier? Klar, der weiße Turm auf c2, doch der kann umgehend entsorgt werden mit einem Schachgebot auf c8 (Abzugsangriff). Die Räumung der Diagonalen b1-h7 wird durch das Schachgebot auf c8 verstärkt. Schwarz kann die Diagonale nicht schließen, da auf das Schachgebot reagiert werden muss. Insgesamt eine einfache Berechnung, wie sie in der Grundschule mit Kenntnis der wichtigsten Taktikmotive gelingen sollte.

​Taktikmotiv B hat ebenso die Absicht, die weiße Dame zuerst nach h7 zu befördern und dann auf h8 das Matt zu geben, denn der schwarze König ist auf seiner Grundreihe eingesperrt. Kennt man die Kombination, so ist das Räumungsmotiv schnell erkannt. Also Weg frei mit 1.Th8+ Kxh8 2.Th1+ Kg8 3.Th8+ Kxh8 4.Dh1+ Kg8 5.Dh7+ Kf8 6.Dh8# Erneut ist es eine forcierte Zugfolge ohne Nebenvariante und daher für das Erlernen grundschultauglich.

Taktikmotiv C basiert auf einer Fesselung (genauer gesagt einer Kreuzfesselung via Schnittpunkt auf das Feld g7). Die Hinlenkung des schwarzen Königs nach h8 ist bekannt und dann schnellt die weiße Dame nach h6 und setzt anschließend auf h8 Matt. Dieses Motiv gehört ebenfalls zum Standardwissen in Sachen Taktik (oder hier den Mattangriff).

​Um eine Turnierstellung wie Fier – Aloma Vidal von der Schach-Olympiade 2018 in Batumi zu lösen, sollte der taktiksichere Spieler also intuitiv alle Ideen der drei „Vorstufen“ parat haben: Öffnung - Räumung – Hinlenkung – Schachgebot – Fesselung - Beseitigung des Verteidigers – Matt.

Weiß zieht.
Alexander Fier (2557) – Robert Aloma Vidal (2428)
Batumi 2018

1.Lxe6 

Öffnet die h-Linie und droht ein Läuferschach auf f7 mit Materialgewinn.

1…Txe6 

Bringt wenigstens einen Verteidiger auf die 6. Reihe, derweil außer dem Läufer auf f8 die anderen schwarzen Figuren stehen passiv am anderen Flügel stehen und keinen Betrag zur Verteidigung leisten können.

2.Th8+ Kxh8

3.Th1+ Kg8 

Zieht der schwarze Turm nach h6, wird er wegen der Kreuzfesselung - Wirkung auf das Feld g7 - einfach geschlagen)

4.Th8+ Kxh8

5.Dh1+ Th6 

Ein letztes Hinauszögern, sonst kommt gleich ein Matt auf h7.

6.Dxh6 Kg8

7.Dh7# 

Also nicht wie im Lehrbeispiel C ein Matt auf g7, da hier ein Läufer auf f8 das Feld g7 verteidigt, aber die Combo Dame-Springer reicht für ein typisches Mattbild auf dem Feld h7.

​In der logischen Stringenz also kein Hexenwerk, auch wenn es 7 Züge weit zu sehen gilt. Als Erkenntnis bleibt anzumerken, dass viel Übung als junges Hänschen, den älteren Hans immer wieder stark sein lässt. Der Erziehungsauftrag ist also erfüllt, ob als Schachlehrer oder Selbstlerner.