Schulschach muss über den Trophäenschrank hinausschauen
Von Harald Fietz
15 Mannschaftspokale in drei Jahren seit 2023 sind für die Berliner Andersen-Grundschule zwar fein für die Schulvitrine und sicher auch ein Signal, dass Theorie und Praxis nicht auseinanderklaffen. Doch Schach als Fach bzw. Begabtenförderung bedeutet mehr als Statistiken mit Top-3-Platzierungen. Gerade in einer Brennpunktschule mit reichlich nicht optimalen bildungsbewußten Orientierungen zählen andere Ziele, die Schach-Schüler und Schülerinnen (SuS) in ihre Schulkarriere und Persönlichkeitsbildung durch die Beschäftigung mit dem königlichen Spiel voranbringen.
Den Schachtalenten der Andersen-Grundschule ist das allgegenwärtig, wie wir 2024 in einen Workshop zum Thema „Was braucht es für gutes Schachspiel?“ herausfanden. Fünf zentrale Verhaltensweisen wurden aus der Mitte der Gruppe mit 20 SuS benannt und sind seither an einer Wand im Schachraum in bunten Farben verewigt – denn die Schulleiterin erkannte nach der Rückmeldung der Schachlehrer schnell, dass diese selbst geschaffenen Orientierungen pädagogisches Gold sind. Welcher Lehrer abseits vom Schachprofil würde diese Verhaltensorientierungen nicht mit Kusshand begrüßen?
Ruhe: Das wird bei Turnierpartien inzwischen tatsächlich fast immer erreicht … es war früher vielleicht noch etwas stimmungsvoller, denn als Schachlehrer war es das angenehme Ticken der Schachuhren, welches den Zustand stiller Hingabe erklingen ließ. Aber die Zeiten sind eben digital, was den Vorteil hat, dass die SuS Zeitmanagement in Präzision erleben und erlernen.
Konzentration: Grundschülern diese Gabe zu vermitteln ist beim Schach mit viel Sinnhaftigkeit möglich und dann geht es in den Bereich über, der Persönlichkeiten resilienter macht (und den Schachlehrer zufrieden, denn die Klassen- und Fachlehrer wissen es zu schätzen): Ausdauer als Faktor zielstrebigen Denkens wird erkannt und praktiziert, erst kann man sich 45 Minuten fokussieren, dann 60 Minuten, dann 75 und dann ist man reif für die weiterführende Schule. Beim Schachlösen mit dem Tablet und den ChessKing-Apps hat inzwischen jeder Schüler der Begabtengruppe seine eigene Vorgehensweise verinnerlicht: allein oder zu zweit im Computerraum oder ganz für sich mit großem Abstand auf dem Gang. Dieses „Seinen-Denk-Tunnel-Finden“ kann nicht hoch genug als Lernskill geschätzt werden.

Überblick: Beim Schach idealerweise ein über Jahre einzuschleifender Grundsatz, den aber selbst so mancher erwachsene Vereinsspieler bisweilen missachtet. Mit dem Motto an der Wand kann man als Schachlehrer einfach einen Fingerzeig geben und der Groschen fällt. Wie viele Stellungen wurden so schon verbessert? Bei Erwachsenen spricht häufig man von der Makogonov-Regel: wenn du keine Idee hast, schaue einfach, welche Figur am ungünstigsten steht.
Zeit lassen: Jeder SuS mit Schachaffinität kennt diesen Umstand als Erfolgsfaktor, doch wird dieser meist aus Reue genannt, denn wie oft war die Hand schneller als der Kopf. Aber als Schachlehrer sind wir froh, dass das Motto aus den Reihen der SuS selbst kam. Nun können wir sie an das selbst gesteckte Ziel erinnern und ihnen zeigen, wie Entscheidungswille und Zeit lassen zusammenhängen.
Essen: SuS ohne steten Mampf-Drang sind wohl überall eher die Ausnahme. Aber wenigstens wissen unsere Schachdenker ganz konkret, dass man vor dem Schachduell ausreichend, aber nicht zu viel gesättigt sein sollte. Vor jeder Donnerstagsunterrichtssession ab 14.00 Uhr mit zwei oder drei oder für einige Extra-Ehrgeizige gar vier vollen zusätzlichen Nachmittagszeitstunden an einem langen vorletzten Tag der Schulwoche gestatten wir die Leerung der Verpflegungsboxen – das hilft den Kids sofort und das freut die Eltern daheim … Gedanken über gesunde Nahrung kann der Schachlehrer beim Gang durch die Reihen ruhig einflechten … wenn dann eine Diskussion entsteht, um so besser.
Die bunte Wand in unserem Schachraum ist eigentlich gar nicht mehr wegzudenken und erfreut bei jedem Kommen. Ohne es beim spontanen Workshop 2024 bereits zu ahnen, haben sich die Andersen-Schach-SuS einen großen Gefallen getan, denn seit ihrer Reflektion über ihr Spiel sind die Lernmottos allgegenwärtig und helfen, auch den Fokus in der Turnierpraxis zu finden. Es ist Teil ihre Identität geworden und inzwischen die Schach-DNA für alle Schachschüler. Auf lange Sicht sind es nicht die schön anzuschauenden Pokale, sondern der neue Glanz aus den Gehirnwindungen, der ihre Lernfertigkeiten über die Grundschuljahre hinaus steigert.

Schachlehrer aller Schulen, greift zum Pinsel und schreibt das Richtige an die Wände!