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Vorsicht  bei  Stolperfalle  Bauern-Endspiel (I)

(RAST-SoA-001-A)

Variantensuche  auf  dem  schmalen  Grat  zwischen  drei  Resultaten

Von Harald Fietz

​In Bauern-Endspielen gibt es kein zurück mehr; entweder man hat einen offensichtlichen Gewinnweg oder der Gegner hält Remis (oder dreht die Sache im schlimmsten Fall). Daher sollte dieser Endspieltyp bei jedem Spieler mit seinen Grundlagen gefestigt sein und durch lebenslanges Lernen um zahlreiche Wendungen und Nuancen ergänzt werden. Die Palette reicht von Bauern-Endspielen mit wenigen Steinen bis zu komplexen Stellungen, in denen sich noch eine Vielzahl vom kleinsten Stein auf dem Brett befindet. Obwohl Bauernzüge die einfachste Gangart haben, nämlich ausschließlich vorwärts, so ist doch viel Denkkraft erforderlich. Das Zusammenspiel mit den Königen und vor allem mit dem von anderen Figuren befreiten Raum verlangt große Imaginationskraft. Bevor es jedoch zur Magie des kleinsten Schachsteins geht, soll - da die ausgewählte Stellung aus einem der ersten bedeutenden Frauenturniere stammt - ein kurzes Zurück-Zoomen in die Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg den schachhistorischen Kontext etwas ausleuchten. 

​Frauenschach hinkte damals in der internationalen Turnierszene mindestens ein Jahrhundert hinterher. Solche zeitlichen Verzerrungen der gleichen Rechte für beide Geschlechter kennzeichnen viele Bereiche: das Wahlrecht, die Berufwahl, das Einkommen usw. Männer übten den königlichen Denksport seit beginnt des 19. Jahrhunderts vor allem in Zweierduellen aus und 1851 fand in London das erste Turnier statt. Zwar noch nicht als Jeder-gegen-Jeden-Wettbewerb, sondern in Form einer Anzahl von Zweikämpfen als Minimatches (ähnlichen den Weltcupturnieren im modernen Turnierschach). Um den höchsten Titel des Weltmeisters kämpft man bei Männern und Frauen noch heute nach diesem Prinzip eines traditionellen Finalmatches. Doch an einer historischen Wendemarke, dem Ende des 2. Weltkriegs, befanden sich durch tragische Umstände beide Titel in Vakanz. Alexander Alekhine starb 1946 nach seinem jahrelangen Paktieren mit faschistischen Regimen in geografischer Isolation in Portugal und soll sich an einem Holzspann beim Essen verschluckt haben. Zwei Jahre zuvor kam Vera Menchik, die großartige Kämpferin auf den 64 Feldern, 1944 in London bei einem Bombenangriff der Hitler-Luftwaffe ums Leben. Um nun quasi »mit einem Schlag« einen Weltchampion zu etablieren, lud man bei den Herren einige Spieler ein, die auf herausragende Turnierergebnisse seit den 30er Jahren blicken konnten. Am Ende setzte sich Mikhail Botvinnik als Weltmeister und Repräsentant eines aufstrebenden Schachstaates durch. Bei den Frauen war die Lage weniger leicht zu klären, denn es gab einfach zu wenig bedeutende internationale Schachturniere für Frauen und bei Herrenturnieren lud man das weibliche Geschlecht höchst selten ein.

 

Das die Sowjetunion absehbar auch hier eine führende Rolle spielen dürfte, lag nahe. Wo viel staatliche Förderung stattfindet, da kommt bei der größeren Anzahl von Frauenspielerinnen auch gewiss mehr Talent zum Vorschein. Für das Frauen-Weltmeisterschafsturnier Ende 1949 in Moskau kam ein Viertel der Spielerinnen aus dem Staat mit dem roten Stern. Sicher haben die Ausrichter ein gewisses Vorrecht auf ein oder zwei Extrastartplätze gehabt und deren Schachfunktionäre waren aufgrund der »Erfahrungen» bei parteipolitischen Ränkespielen sicher gewiefte Verhandler gegenüber dem Weltschachverband. Die übrigen 12 Teilnehmerinnen verteilten sich auf 11 Nationen und nur die Weltmacht USA bekam zwei Plätze zugebilligt. Schaut man am Ende auf die Einzelpartien zwischen sowjetischen gegen amerikanischen Spielerinnen, dann lautet der Score 7-1, denn nur eine Partie ging zugunsten von Amerika aus, da Gizela Gresser gleich in Runde 1 Ludmila Rudenko bezwang. Und das war die einzige Niederlage der Moskauerin, die mit neun Siegen und fünf Remisen aufgrund ihrer 11,5 Punkte einen Punkt als Vorsprung ins Ziel brachte (siehe Zeitungsauschnitt oben). Doch beinahe hätte Gresser auch eine andere Favoritin ins Wanken gebracht, denn sie erreichte nachfolgende Stellung gegen Elizabeth Bykowa, die aus der Nähe von Wladimir stammte.

Die Stellung fanden wir sowohl im russischsprachigen Schachjahrbuch „Shahmaty“ zum Jahr 1950 (erschienen 1952 im Verlag Fizkultura i Sport) wie auch im niederländischen Turnierbuch, welches Ex-Weltmeister Max Euwe zusammen mit Theo Daniel van Scheltinga und Fenny Heemskerk (der Oranje-Repräsentantin am Brett in Moskau) als Zusammenstellung für das Nederlandsk Schaakcentrum Bergen op Zoom im Jahr 1950 herausgab. Van Scheltinga bekam im Jahr 1950 vom Weltschachverband FIDE einen der ersten offiziellen Titel als Internationaler Meister und Heemskerk wurde ebenfalls 1950 der Frauen-IM-Titel verliehen. 1978 bekam sie auch den Titel als Frauen-Großmeisterin verliehen, sicher auch als Würdigung für ein Schachlebenswerk verdientermaßen, denn sie war auch als Schachlehrerin an Volkshochschulen und Schulen für Jugendliche im Einsatz. Die nachfolgende Stellung hat ihr sicher bei der Arbeit am Turnierbuch Freude bereitet und wir nehmen an, etliche ihrer Schüler und Schülerinnen haben diese auch gesehen. Mehr Frauen zum Schach zu bringen war Heemskerk stets ein Anliegen und ihre Tochter hat sie erreicht, wobei die beiden sogar gemeinsam Meisterschaften in den Niederlanden absolvierten.

Doch nun zum nachfolgenden Bauern-Endspiel zwischen der damals wohl spielstärksten Amerikanerin mit den weißen Steinen und einer der sowjetischen Titelanwärterin. Es ist ein gutes Beispiel für Endspiele mit Bauern an beiden Flügeln und auch dafür, dass man wissen sollte, in welche Bauern-Endspiele man abtauschen kann oder was man besser bleiben lässt.

Weiß zieht.
Gizela Gresser – Elizabeth Bykova
Moskau (Frauen-Weltmeisterschaftsturnier) 1949-50

Man überlege zuerst, welches Resultat man intuitiv erwartet:

(A)    Weiß gewinnt;
(B)    Remis;
(C)    Schwarz gewinnt.

Dann heißt es ausprobieren und zwar alles als Berechnung im Kopf. Dem Figurenziehen zu widerstehen zeugt von Willen, seine Rechenfertigkeiten zu verbessern. Rechentechnik und Rechentiefe sind neben schneller Auffassungsgabe die Eckpfeiler für Können beim Schach. Ebenso muss das eigene Wunschergebnis mit den realen Gegebenheiten im Einklang sein. Sonst droht der Stolperstein.

Falls die Stellung im Trainingsalltag zur Anwendung kommen soll, dann steht hier ein Übungsblatt als Download zur Verfügung.