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St. Petersburg 1909: Offene Spiele für die Jetzt-Zeit?

(TaS-001-A)

Das  Erbe  der  Vergangenheit  aktivieren  oder  Sklave  der  Engines  werden?

Von Harald Fietz

​Tatort Schach möchte Gedankenanstöße über das Schach der Gegenwart bieten und durch historisches Zurückzoomen den Reichtum vergangener Zeiten neu beleuchten oder vergessene Ereignisse ans Licht bringen. Es wird ein Mix aus persönlichen Erlebnissen, ein Nachdenken über vergangene Entwicklungen und ein Fahnden nach weniger gestellten Zusammenhängen. Es stellt zugleich eine Reaktion auf die zunehmende Ohnmacht dar, den Maschinen hinterherzuhinken und als menschlicher Denkschaffender nicht mehr auf Höhe der Zeit zu sein. Nicht nur im Schach sind Künstliche Intelligenz und maschinelle Lösungsverfahren auf dem Vormarsch. Doch wo sind Grenzen und wo braucht es den zu Fehlern neigenden Menschen nicht mehr.

​In diesem ersten Blog möchte ich mit einer vermeintlich einfachen Übung anfangen, über die ich zufällig beim althergebrachten Studium eines Turnierbuchs gestolpert bin. Der Ausgangspunkt für den ersten Tatort Schach liegt beim Chigorin-Gedenkturnier in St. Petersburg im Jahr 1909. Ein bekannter Spieler, der ein Jahr später gar Herausforderer des Weltmeisters wurde, traf mit den weißen Steinen auf einen Außenseiter aus dem russischen Reich. Dessen Lebensweg wird in den folgenden Jahrzehnten viele europäische Orte streifen und er wird einer der populärsten Schach-Autoren seiner Zeit (und bleibt heute noch lesenswert). Nun zum Kern der Aufgabe ... es ist ein Rätsel mit vier Stellungen und acht Spielern aus unterschiedlichen Epochen.

​Neben der Stellung aus dem Jahr 1909 gibt es eine aus dem Jahr 1993 und zwei entstanden relativ zeitnah in den Jahren 2019 und 2023. Die nachfolgenden vier Diagramme bilden alle Stellungen vor dem 10. Zug ab und stammen aus weniger gebräuchlichen Varianten der Philidor-Verteidigung (C41). Kann an mit heutigem Fachwissen erkennen, welche dieser offenen Stellungen in welchem Jahr gespielt wurde? Alle Weißspieler haben den schwarzen König direkt im Visier. Wie will man begründen, dass die eine Eröffnungsformation eher am Beginn des 20. Jahrhunderts auf das Brett kam und zwei der Stellungen mit ähnlichem Mindset über 100 Jahre später im Internetzeitalter mit viel computergestützter Eröffnungsvorbereitung angestrebt wurden? Suchen heutige Angriffsspieler ähnliche Frontalangriffe wie im 19. Jahrhundert? Damals galt es, den Angriff schnittig zu führen und Verteidigungsmethoden waren noch wenig ausgefeilt.

Weiß zieht.
Stellung A

Schwarz zieht.
Stellung B

Weiß zieht.
Stellung C

Weiß zieht.
Stellung D

​Die Umstände der Referenzstellung aus dem berühmten Turnier in St. Petersburg von 1909 wurden bereits oben skizziert. Die Begegnung 1993 führte zwei israelische Spieler zusammen; mit Weiß ein Internationaler Meister, der noch heute in 2025 weltweit auch als Studien-Experte bekannt ist, und mit Schwarz ein Großmeister, der später aufgrund einer Hörbeeinträchtigung Spezialturniere spielte und dann 2010 auf Platz eins der Weltrangliste für Gehörlose gelangte. Das Blitzduell aus dem Jahr 2019 brachte im Internet den Zusammenstoß zweier Super-Großmeister - einmal aus Indien und einmal aus China. Sie stießen bis 2025 zur absoluten Weltspitze vor und sind wegen ihres kämpferischen Schachs gefragteste Turnierteilnehmer. Die jüngste Partie wurde 2023 auch im Internet und diesmal bei einem Titled-Tuesday-Event gespielt. Sie würde sicher im Ozean der unzähligen Online-Partien untergehen, doch der Weißspieler ist seit Ende der 80er Jahre ein Weltklassespieler und hat viele Bewunderer weltweit, wobei er in dieser Partie auf einen Amateur mit Wertungszahl 2121 traf. Wer Partien dieser Schach-Legende aus einem östlichen Land sucht, der wird in Datenbank vielleicht auch an dieser Schachtat hängen bleiben, die sich aus der Eröffnung heraus mit strategischer Logik zu einer Attacke entwickelte und dabei trotz Rapid-Tempo ohne Hektik alle Figuren vorbildlich einband, so dass der Angriffsdruck mit einer Opferwendung weiter verdichtet werden konnte. Es ist ein Paradebespiel, um Angriffs- und Verteidigungsideen aus menschlicher Sicht und aus der Warte einer Engine unter die Lupe zu nehmen.

​Lässt sich für die ausgewählten vier Stellungen erkennen, welche Begegnung wann gespielt wurde? Ist der Schachstil heute mit ungeheuer viel mehr Informationen und Support von Top-Trainern und rechenstarken Computern unterschiedlich? Halten die klassischen Partien noch Schachideen parat, die vielleicht nur wiederbelebt werden müssten? In den 50er Jahren studierte Robert James Fischer die Meister des 19. Jahrhunderts; beim WM-Match 1990 packte Gary Kasparov die jahrzehntelang vergessene Schottische Eröffnung aus und leitete eine Renaissance dieser offenen Spielweise ein. Können uns frühere und heutige Schach-Tatorte zu einer Vielfalt des Schachstils führen oder sind wir ganz auf die Wege angewiesen, die aus der Maschine kommen? Die nächsten Folgen werden das Geheimnis hinter jeder Stellung lüften und vielleicht ein wenig Erstaunen bieten.

Hinweis: Mit Stand Anfang Oktober 2025 werden die nächsten vier Blogs dieser Rubrik etwas dauern. Die Stellung sollen auch in meinen Trainingsgruppen besprochen werden. Wer ähnliches durchführen möchte, kann sich gerne mit den folgenden Downloads die Diagramme sowie alle vier Partieanfänge einzeln herunterladen. Für Trainer empfehle ich, die Diagramme auf  Karteikarten kleben und im Training verwenden. Analoge Hilfsmittel sind wieder en vogue. Für die Schüler bieten die vier Aufgabenblätter eine halbe Seite für Analyseaufzeichungen.