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Zwischen  autoritärem  Regiment  und  Selbstfindung



Mit  den  Schachschätzen  der  Sowjetunion  reflektiert  lernen 

​Innerhalb von 20 Jahren baute die Sowjetunion bis zum Beginn des 2. Weltkriegs eine systematische Schachschulung auf, die ihr nach 1945 fast ein halbes Jahrhundert die weltweite Vorherrschaft gestattete. Die Art der Talentsichtung und deren Ausbildung war so fundiert, dass China sich in den 80er Jahren daran orientierte und innerhalb eines Jahrzehntes zu einem Rivalen auf Augenhöhe wurde, erst im Frauenschach und dann auch im Herrenbereich (heute fast durchweg als offene Kategorie bezeichnet). Im Westen drangen diese Grundlagen nur punktuell durch, denn der Schachsport ist weitaus weniger staatlich finanziert. Erfolge sind fast immer Alleingänge in einem mehr oder weniger kleinen Unterstützungsumfeld. Es brauchte auch bis Ende des 20. Jahrhunderts, bevor das Schachwissen des sowjetischen Systems in westlichen Sprachen verfügbar wurde. Zwar gab es auf Deutsch im Ost-Berliner Sportverlag etliche Übersetzungen von sowjetischen Schachautoren, aber das waren m.E. nicht die wirklich bahnbrechenden Werke. Eine Wende erfolgte langsam nachdem die repressiven politischen Systeme in Osteuropa nach 1989 zusammenbrachen und sich Schachspieler und Schachtrainer aus diesen Ländern im Westen ansiedelten. Für ihre neuen Trainingsumgebungen waren Übersetzungen aus der kyrillischen Sprache dienlich. Nach der Jahrhundertwende entwickelte sich dieser Markt der Schachfachliteratur.

​Als Vorreiter in diesem Metier gilt seit Jahren der schottische Quality Chess Verlag unter der Leitung der Großmeister Jacob Aagaard und John Shaw, denn sie entschieden sich mit gutem Gefühl für hochwertige Trainingsliteratur, den angestaubten sowjetischen Klassikern eine Extra-Reihe zu widmen. Andere Verlage, mit engen Bindungen nach Russland, folgten dem Beispiel. Ich kam in der Corona-Auszeit aus zwei Gründen in das Fahrwasser der sowjetischen Literatur zwischen 1920 und 1990. Einerseits durch den traurig-glücklichen Umstand, dass mir ein Freund (ehemaliger Lehrer aus Neubrandenburg) seine stattliche Schachbuchsammlung vermachte, die auch unzählige Buch-Raritäten und viele Zeitschriften umfasst, und andererseits, dass ich eines meiner absoluten Lieblingsbücher über Taktik & Strategie von Georgy Lisitsin „wiederentdeckte“. Inzwischen ist das Werk aus dem Jahr 1952 (1958 überarbeitet) in zwei Bänden 2023 bei Quality Chess erschienen. Das ist eine wirklich späte Entdeckung in der Weltsprache, denn die serbokroatische Übersetzung (in 3 kleinen Bänden) hatte ich bereits in den 80er Jahren, doch blieb das Werk irgendwie „liegen“ bis mir um 2018 eine italienische Übersetzung (in einem Band mit hässlichem Layout) in die Hände kam (Dank an den italienischen Buchladen Mondolibro auf der Torstraße im Berlin-Mitte). Das war ein Anker in der Coronazeit und ich durchforstete alle Stellungen und gab insgesamt 1376 Fragmente in ChessBase ein (für Schachtrainer immer ein wichtiger Akt). Das Ergebnis war eine Offenbarung an Forscherdrang zur Systematisierung von instruktiven Stellungen in den Kernbereichen des Schachs Mitte des 20. Jahrhunderts. Natürlich unterliefen – mit modernen Engines in der englischen Übersetzung gecheckt – auch Fehlbewertungen. Selbst die Spitzenspieler des Sowjetschachs waren damals nicht allmächtig. Aber es ist und bleibt einfach ein Paradebeispiel an Neugier, Muster des Schachdenkens verstehen zu wollen. Das bildet für das Spielverständnis auf gehobenem Niveau die Quintessenz und das braucht der Trainer als Materialsucher und der Spieler als Wissenssucher.

​Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, meine kyrillischen Printschätze zu heben. Ein Muttersprachler ist immer irgendwo im Berliner Schach- und Schulkosmos zu finden, wenn es an bestimmten Stellen längerer Übersetzungen bedarf. Dieser Blog zum „Sowjetischen Archiv“ wird auch mit reichlich Fotos der Quellen präsentiert und wie bei allen vier RAST-Rubriken folgt zunächst ein Beitrag als Aufgabe (mit A-Kennung im Untertitel) und dann entsprechend ein oder mehrere Lösungsfolgen (mit L-Kennung im Untertitel). Es gilt das Credo, wer in den Keller steigt, findet manche vergessene Erleuchtung.


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