Warum Erinnerung die Schachzukunft erfrischt
Nostalgie kann dem Schach mehr Sinnhaftigkeit zeigen
Wann fasziniert Schach? Wenn man selbst am Brett sitzt oder wenn man Könnern bei der Ausübung zuschaut? Wenn man stundenlang im Spielsaal neben dem Brett steht oder wenn man sich Tag und Nacht vor dem Computerbildschirm zurücklehnen kann? In der Nach-Corona-Zeit wird es möglicherweise keine einfache Antwort geben und jüngere Generationen sind in technisch andere Umgebungen hineingewachsen wie die Boomer- und andere Jahrgänge. Vielleicht interessiert es auch gar nicht, weil man sich keine Zeit mehr nehmen kann oder will … das nächste Event lockt. Warum sich überhaupt mit dererlei schachphilosophischen Gedanken den Flow der vielen Schachspektakel unterbrechen; zählt am Ende nur das Resultat? Und doch treffen diese Fragen den Kern der Hingabe an das königliche Spiel. Wen das nicht tangiert, der muss nicht weiterlesen. Wer dafür innehalten möchte, der sollte einem der phantasiereichsten Spieler aller Zeiten einen Moment der Aufmerksamkeit schenken.
„Ich hoffe aufrichtig, Sie würden nicht zu Hause in einem gemütlichen Wohnzimmer, mit einem edlen Glas Wein vor dem Kamin, das Libretto einer Oper lesen, statt in die Oper zu gehen, wo das Werk mit lebendigen Schauspielern und Sängern aufgeführt wird. Sie würden sicher auch lieber ins Museum gehen, um das wirkliche Gemälde zu sehen, statt einen Katalog zu durchblättern,“ meinte David Bronstein, WM-Herausforderer 1951, in seinem Lebensrückblick mit Titel „Der Zauberlehrling“ (1997, S. 16) Aber ehrlich: Ist das in der modernen Schacharena seit der Durchdringung mit tagtäglichen Internet-Übertragungen noch der Fall? Gehen wir nicht ins Museum und haben oft ein Mobilgerät in der Hand, welches uns das Bild deuten soll? Welchen Tatort wählen wir, um Schach zu trainieren, zu spielen oder zu erleben? Was ist uns der Genius Loci und sein Erinnerungsgewicht wert? Welchen „Kick“ wollen wir im und beim Spiel erfahren, was analysieren wir (noch) selbst? Finale Antworten auf solche Sinnfragen sind nicht in Sicht. Doch wissen wir nicht eigentlich, dass es mehr als den nächsten Zug geben muss?
In dieser Rubrik werden verschiedenste Schachtaten in den Mittelpunkt gerückt, sei es im historischen Kontext oder als Betrachtung der Schachgegenwart. Aber auch Gedanken zum Ummünzen von Schachtaten als Input für die Trainerarbeit sollen präsentiert werden. In dieser Rolle darf der Coach eine Art Kulturvermittler sein. Dahinter steht der Gedanke, besondere Ereignisse und Personen zu würdigen und sie nicht in der Informationsflut verschwinden zu lassen. Die ausgewählten Partien oder Stellungen sollen nicht nur instruktiv sein, sondern den Schachgeist zur Reflektion über den Moment anregen. Tatorte sind Turniersäle, Analysebretter allein daheim oder in kritischer Runde als Gruppe danach und Veröffentlichungen in Zeitschriften, Bücher oder modernen digitalen Medien - also alles Plätze, wo das wundervolle Gedankentreiben der 64 Felder in kritisch-zivilisierten Austausch tritt. Diese Schachschätze sollen in viele Trainingsstunden einfließen, daher alle Blogs mit „A“ im Untertitel als Herausforderung betrachten und PDF downloaden und alle „L“ im Untertitel danach als Lösung nachspielen, denn der Stoff wird bisweilen nicht im Training nachbesprochen, da er als Zusatzmaterial gedacht ist.